Vätternrundan 2009

300 km Radfahren – am Stück? Das ist doch eine wahnsinnige Idee…

Bei der Vätternrundan – auf deutsch: der Runde um den Vätternsee – ist selbiger mit dem Fahrrad zu umrunden. Da Vättern der zweitgrößte See Schwedens ist, kommt man auf die Distanz von ca. 300 km; und die gilt es in einem Stück zu bewältigen. Klar, mit Stops wie bei einer RTF. Aber keine Dusche, keine Übernachtung. Die Fahrzeit ist eigentlich zweitrangig – einige fahren auch auf ganz normalen Fahrrädern. Aber wer schon einmal eine RTF oder gar die Cyclassics gefahren ist, der weiß, dass für Rennradfahrer das gleiche gilt wie beim Segeln: one boat’s a cruise, two boats are a race. Und so findet neben der etwas beschaulicheren Tour jener, die auf dem Stadtrad starten, auch ein recht sportlicher Wettbewerb aller Rennradler statt.

1. Die Meldung

Erstaunlicherweise halten viele Leute diese Idee aber gar nicht für so wahnsinnig, wie man denken würde. Ansonsten wäre wohl nicht mit ca. 17.000 Teilnehmern zu rechnen. Und ansonsten müsste man wohl auch nicht rechtzeitig buchen, um überhaupt noch einen der begehrten (!) Startplätze zu bekommen. Im Winter 2008 war die Vätternrundan jedenfalls schon ausgebucht, auch wenn der Startschuss erst am 13. Juni 2009 erfolgen sollte.

Gerd (54) und Bernd (fast 67) peilten für 2009 ihre fünfte Teilnahme an – Chapeau – und wussten all dies im Spätsommer 2008. Darüber hinaus waren sie noch in der Lage, Philipp (37) zu überreden, doch mitzukommen. Denn wenn die beiden Herren im fortgeschrittenen Alter und mit einigen überzähligen Gramm Körpergewicht das schafften, dann würde so ein Jungspund das doch auch hinkriegen. Also machte Gerd sich zeitig an die Buchung. Denn nur bei sehr frühzeitiger Buchung besteht zudem die Chance, einen der beliebten „späten“ Startplätze zu ergattern – wobei „spät“ nur bedeutet, dass man später als 02:30 in der Nacht startet. Anderenfalls droht ein Start in der frühen Hälfte … unter Umständen am Freitagabend um 20:00 Uhr, so dass man also mehr Fahrtzeit in der Dunkelheit vor sich hat und daher auch Beleuchtung montieren muss. Durch sehr zeitige Buchung sicherte Gerd uns dreien eine späte Startzeit. Wobei sich später herausstellte, dass wir um 05:22 Uhr starten sollten. Und das erschien uns sehr spät. Denn hinter uns würden nur noch wenige Hundert Sportler an den Start gehen – und damit blieben wenige potentielle Windschatten (wenn man davon ausgeht, dass viele zu langsam und viele zu schnell fahren).

Nach der Zusage vom Organisationskomitee in Motala buchte Gerd, der perfekt schwedisch spricht, was sich auch im weiteren Verlauf als sehr praktisch erweisen sollte, eine Unterkunft in der Nähe von Motala. Anschließend erstellte er eine grobe Reiseplanung. In Anbetracht des Starts in der Nacht und der langen Fahrt ist es sinnvoll, mindestens einen ganzen Tag vor dem Start in Schweden zu sein. Weiter sollte auch für die Nacht nach dem Rennen eine Unterkunft gebucht werden. Denn das schwedische Straßenverkehrsrecht sieht vor, dass jemand, der aufgrund seiner körperlichen Verfassung nicht in der Lage ist, sein Kfz zu führen, eine Ordnungswidrigkeit begeht. Und nach einer Radtour von 300 km ist für die schwedische Polizei ein Indiz gegeben, dass wohl schwer zu widerlegen ist. Damit kamen wir auf eine Gesamtreisezeit von fünf Tagen. Dafür wurde dann auch noch Proviant in Form von Bier, Wein und fester Nahrung eingeplant.

2. Anreise und Quartier

Am Donnerstag, dem 11. Juni 2009, sollten wir dann alle die nötigen Kilometer in den Beinen haben. Jedenfalls ging es an diesem Donnerstag nach dem Mittag auf die Strecke im vollgepackten Volvo – Proviant, Klamotten (Radsportkleidung für alle Eventualitäten), zwei Räder in den Kofferraum und ein Rad aufs Dach.

Wir hatten uns für die Vogelfluglinie statt für die Brückenfahrt entschieden, auch wenn man für die Fähren pro Richtung ca. 100 € rechnen muss. Aber die Fährfahrten verschaffen einem schöne Pausen mit Ausblick, frischer Luft und der Gelegenheit zu Kaffee und Brot. Also von Wedel nach Fehmarn – wir fuhren durch Hamburg und brauchten daher gut zwei Stunden. Dann ca. drei Stunden auf Lolland und Sjælland, anschließend ging es auf die Fähre von Helsingør nach Helsingborg. In Schweden angekommen wurde es auf der Autobahn dann recht schnell sehr einsam und damit öde. Insgesamt benötigten wir ungefähr 10 Stunden für die Anreise.

Um Mitternacht angekommen, konnten die Renners leider nicht sogleich ins Bett schlüpfen, da der Schlüssel nicht wie vom Betreiber der Unterkunft versprochen hinterlegt war. Glücklicherweise war sein Mobiltelefon aber eingeschaltet, so dass wir kurz vor eins uns, das Gepäck, den Proviant und die Räder ins Zimmer schaffen konnten. Ein, zwei Bierchen zum Anstoßen auf die gelungene Anreise, und um 02:30 Uhr ging es in die Betten.

Am Freitagmorgen brachen wir auf nach Motala, um die Akkreditierung vorzunehmen, die Startnummern abzuholen und schon ein bisschen Rennatmosphäre zu schnuppern. Bei der Gelegenheit konnten wir auch durch das Zelt mit den Angeboten diverser Sportartikelhersteller bummeln. Außerdem ist Motala ein ganz niedliches Städtchen. Unten am Wasser steht inzwischen schon ein modernes Monument zur Würdigung der Vätternrundan – eine kleine Gruppe von vereinfacht dargestellten Fahrrädern. Das nutzen wir zum Phototermin. Kuchen gab’s in größeren Mengen und dann kauften wir Steaks und Kartoffeln ein, um uns ein schönes Abendessen zu kochen. Auf dem Rückweg sehen wir in Fahrrad im Götakanal – da hat wohl einer schon aufgegeben.

3. Die Nacht davor

Mit der Vorbereitung des Essens hatten wir zunächst etwas zu tun, um uns von der Aufregung abzulenken, die sich langsam einstellte. Nicht nur der Novize, auch die beiden Veteranen spürten noch das gewisse Kribbeln. Was sollte man anziehen? Wie würde das Wetter werden? Aus der Heimat ließen wir uns informieren, dass mit 14°C und nachlassendem Regen zu rechnen sei. Wind aus nördlichen Richtungen, aber nicht mehr so stark. Das klang ordentlich, aber doch eher kühl – zumal wir in den frühen Morgenstunden starten würden und nicht erst mittags. Also optierten wir alle für die etwas dickeren Windstoppertrikots und Knielinge.

Wegen der frühen Startzeit wollten wir schon um 04:30 Uhr aufbrechen, schließlich dürfte die Parkplatzsuche nicht leicht werden und möglicherweise müssten wir dann ja noch ein Stück weit zum Start radeln. Also versuchten wir, gegen 22:00 Uhr einzuschlafen, was nur mittelmäßig gelang. Die Nacht war geprägt von Regentropfen an Fensterscheiben und unruhigem Schlaf.

4. Start

Der Wecker klingelt um 03:30 Uhr. In aller Eile angezogen, die Bidons gefüllt. Jeder isst sein persönliches Frühstück, trinkt einen Kaffee – und geht das mit der Verdauung auch schon morgens um vier? Die Nervosität liegt in der Luft, jeder ist mit sich beschäftigt – nichts vergessen? Genügend Energieriegel? Doch eine lange Hose anziehen? Ab ins Auto und los. In Motala sind die Parkplätze alle besetzt – kein Wunder, weit über 10.000 Starter sind ja schon lange los und haben ihre Autos auch irgendwo abgestellt. Wir entschließen uns für einen fast völlig leeren Krankenhausparkplatz, der eigentlich nur für Personal vorgesehen ist … aber 400 Parkplätze für Personal? Im Nachhinein waren auch die 30 €, die das Strafmandat kostete, angemessen für einen Parkplatz in der Nähe des Starts. Punkt. Auf dem Parkplatz, im Nieselregen schon mal die Überschuhe angezogen. Regenjacke? Ach was, das ist doch nicht viel Regen. Zum Start rollen wir locker und zügig. Dort erfahren wir, dass unsere Startgruppe in wenigen Minuten in die Startzone einrollen darf.

Dann wird es doch hektisch. Kurz bevor wir in die Startzone dürfen, fällt der Sender von Bernds Bordcomputer von der Gabel. In aller Hektik angebracht, hin und hergedreht. Aber das Gerät zeigt nichts an. Mist. Philipps Lenker kippt auf einmal, obwohl die Schrauben doch alle nachgezogen waren. Ein Mechaniker zieht spontan an. Nebenbei hören wir, dass mehr als 2.500 Fahrer nicht zum Start erschienen sind, wegen des Wetters. Ab in die Startzone.

5. Das Rennen

Und dann geht es auch schon los. 05:22 Uhr, 8°C, leichter Regen. In Motala ist der Start neutralisiert, wir fahren im Startblock mit ca. 70 Leuten hinter vier dicken Harleys aus dem Stadtgebiet gemütlich mit 25 km/h Richtung Landstraße. Das hat doch etwas von Tour de France. Nachdem die Motorräder weg sind, geht es los, wie man das erwartet. Einige preschen mit Geschwindigkeiten von ca. 40 km/h voran, andere gucken überrascht. Gruppen bilden sich, reißen auseinander, neue finden sich. Nach 10 km läuft unsere Gruppe ruhig, aber flott. Leider führen nur wir drei, ab und an mal der gelbe und der rote, beide aus Schweden. Der Rest liegt auf dem Hinterrad, insgesamt so ca. 14-16 Mann. Hier dominiert die offene Ebene, der Wind schiebt wohl leicht, man kann den Blick schweifen lassen.

Beim ersten Depot in Hästholmen, nach 43 km, haben wir fast einen 35er Schnitt, fahren aber dennoch schnell rechts ran. Es wird heller, regnet immer noch leicht. Schrauben an Philipps Vorbau schnell nachgezogen. Versuch, Bernds Tacho wieder in Schwung zu kriegen. Und zum ersten Mal Ektorps blåbärsoppa (warme, angedickte Blaubeersuppe) getrunken, dazu ein wabbliges Brötchen und ein Stück Banane. Philipp hat wegen der Kälte Probleme mit den Muskeln, er lässt sich Papier geben und steckt es zum Wärmen unter die Kleidung. Auch weiter geht es flach dahin, die Laune ist bei allen gut, allerdings haben wir jetzt eine kleinere Gruppe. Wieder viel von vorne fahren. Dafür können wir die Gegend schön beobachten – und zum ersten Mal erhaschen wir einen Blick auf den riesigen Vättern. Besonders schön ist der Blick von oben, in der Nähe von Gyllene Uttern.

Am Depot in Gränna (81 km), hinter der ersten echten Welle, wieder blåbärsoppa, dazu saure Gurken (!) und Brötchen. Schnell findet sich eine größere Gruppe und flott geht es weiter, bis das Feld beim Ort Kaxholmen (Gerd mit seinem Faible für Anstiege: „Das ist echt ein K...-Ort“) auseinanderreißt. Hier sind ein paar Höhenmeter zu machen, steil ist es und Philipp zudem übermütig. Auf der Abfahrt hat Gerd die Idee, man könne jetzt doch die Regenjacken anziehen. Denn uns ist allen kühl geworden. Fast drei Stunden bei Regen und maximal 10°C machen sich bemerkbar, auch Windstopper und Sportunterwäsche kommen da an ihre Grenzen – von den dünnen Hosen gar nicht zu reden. Also unterwegs rechts ran, die Jacken an und sogleich ist es wärmer. Dafür werden wir jetzt von innen so richtig nass.

Im Depot Jönköping sind 109 km gemacht, also ein Drittel. Die Laune der meisten Teilnehmer ist gut, als wir die Sporthalle betreten. Draußen stehen Hunderte Fahrräder, zu ca. 90% sind es Rennräder. In der Halle gibt es Würste und natürlich blåbärsoppa, Gurken und die unvermeidlichen Labberbrötchen. Sinnvoll wäre es gewesen, hier das mitgeführte Ersatzunterhemd anzuziehen. Aber trotz aller Müdigkeit überwiegt noch das Adrenalin.

Aus Jönköping herauskommend überholt uns eine Frau mit schwerem Tritt, der sogar Jan Ullrich als leichtfüßigen Pedaleur erscheinen ließe. Aber anscheinen hat sie das im Griff. Wir sehen sie in ihrer kompletten ONCE-Ausstattung auf der ganzen Runde nicht wieder. Nun wird es ungemütlich: Gegenwind (zum Glück nicht zuviel) und lange, deprimierende 4%-Steigungen. Langgezogene Anstiege, rechts und links Nadelwald, Straße ewig geradeaus. Mal wieder runter. Und wieder so eine ewig lange, eigentlich harmlose Steigung. Der Jungspund kriegt jetzt doch muskuläre Probleme, die sich schon andeuteten. Die beiden Veteranen hingegen fahren unberührt weiter. Wie zwei gute Diesel schnurren sie und geben Windschatten. Insbesondere ab hier merken wir, dass wir deutlich mehr Sportler überholen als dass wir überholt würden. Das gibt mentale Stärke.

In Fagerhult bei km 140 gibt es … blåbärsoppa und eine Massage. Zudem ist zum ersten Mal der Bus für die Aussteiger zu sehen. Schön warm in Decken gewickelt sitzen da diejenigen, die aufgegeben haben, der Diesel brummt und wärmt die Insassen. Da kommen Gedanken auf. Später werden wir erfahren, dass 1.000 Fahrer aufgegeben haben. Laut Veranstalter ein neuer Rekord, der wohl dem Wetter geschuldet ist. Die Veteranen aber erklären, das sei alles nicht so wild. 2004, ja da sei es wirklich kalt gewesen. Nie hätten sie so gefroren in ihrem Leben.

Die Strecke von Fagerhult nach Hjo wird für den Jungen zur Herausforderung… immer wieder lange Steigungen, ewig geradeaus, Tannen rechts und Tannen links. Stoisch fährt Bernd vorneweg. Wunderbar gleichmäßig. Gerd und auch der Lütte führen seltener. Unterwegs sammeln wir einen Fahrer von Fahrrad-Lieb auf, der unsere Gruppe zur Vierergruppe komplettiert. Er dankt überschwänglich für den Windschatten und fragt, ob wir uns dafür auch in Bier entlohnen lassen. Leider der einzige, der für Windschatten dankt.

Bei km 178 in Hjo steht Philipp dann kurz vor der Aufgabe. Kriegt kaum etwas von seiner Lasagne runter. Gerd stellt fest, er sehe ja echt apathisch aus. Eine Massage lockert den etwas. Und dann stehen da wieder die Busse … wie einfach wäre es, einzusteigen und endlich zu schlafen im Warmen. Die Versuchung ist groß. Aber aufgeben gibt es nicht – da sind doch auch noch Frauen unterwegs. Und außerdem würde es sicher ewig an der Psyche nagen, hier aufgegeben zu haben. Jetzt fährt Gerd viel vorne, die Strecke nach Karlsborg zum Schloss ist für ihn wohl nichts anderes als eine Hausrunde. Er unterhält uns jetzt tatsächlich – nach langen Kilometern trauter Schweigsamkeit – mit der Geschichte der Festung, deren Bau 1819 begann, die dann nach Fertigstellung so nicht mehr benötigt wurde, dennoch ausgebaut wurde und um 1900 völlig sinnlos geworden war.

In Karlsborg bei km 210 angekommen gibt es … blåbärsoppa! Und wir treffen einen Hamburger im schnieken selbst entworfenen Astra-Trikot. Eine Massage bei einem fröhlichen Schweden, der schon seit 12 Stunden mit seinen Händen gearbeitet hat. Und nun gilt es, schnell wieder auf die Räder zu kommen. Wir sind ausgekühlt, die Beine drohen steif zu werden. Warum tut man sich so etwas an? Gerd und Bernd ziehen die Regenjacken aus, denn es hat aufgehört zu regnen, Philipp wartet noch 30 km. Trocken werden die Trikots auf der Fahrt bei 12°C und nebeligem Wetter nicht, aber in der Regenjacke fühlte man sich wie in der Sauna.

Boviken, km 232. Das Depot liegt auf einem Rastplatz in einem idyllischen Waldstück, wir haben einen wunderbaren Blick auf Vättern mit einigen kleinen Inseln, die wie Schären aussehen. Und wieder sitzen einige am Rande, am Tisch mit dem schwedischen Schild „Cyklister som brutit“ („Ausgestiegene Radler“). Körperlich sind wir – und alle anderen Anwesenden – ausgelaugt. Jetzt geht es nur noch über den Kopf. Nur noch 70 km zu fahren. Hier treffen wir einen Briten, der heute zum zehnten Mal die Vätternrundan fährt. Aber in aller Bescheidenheit gibt er uns seine persönliche Ansicht bekannt: „Jeder, der das hier auch nur einmal schafft, ganz gleich in welche Zeit, beeindruckt mich wirklich“. Die absolute Wahrheit.

Im Anstieg vor dem Depot Hammarsundet bei km 262 kriegen wir die zweite (oder dritte) Luft. Es geht ein paar Hundert Meter die Brücke hinauf und nun fallen viele der Kollegen hinter uns zurück. Das tut dem Kopf gut. Aber oben angekommen werfen wir uns auf den Rasen, wo schon Dutzende anderer Radler liegen. Das Depot ist das bislang vollste, eng gepackt ist es an den Ständen. Vermutlich sind hier auch noch einige der Frühstarter unterwegs. Gerd ist ganz entspannt, besorgt Getränke für uns drei. Und natürlich auch einen Pappbecher blåbärsoppa. Dann geht es zum ersten Mal seit über 150 km wieder in die weite Ebene. Die Nadelwälder sind fort. Und der Wind drückt leicht von hinten. Das könnte unter Umständen klappen. Jetzt merken wir auch auf der Strecke: wir sind weit gekommen, hier sind jetzt mehr Radler auf der Strecke.

Und so schlecht es uns auch geht, da sind einige, die noch weniger können. An jedem Hügel ziehen wir an Rennradkollegen vorbei. Manche scheinen zu stehen. Andere sind wirklich abgestiegen und schieben. Dummerweise nimmt der Verkehr hier etwas zu. Das ist bei den Packs von Radfahrern auf der rechten Spur streckenweise haarig, denn am Berg fährt nun einmal jeder sein Tempo.

Kurz vor dem Depot in Medevi bei 282 km muss die Kette hinten ganz nach links auf den Rettungsring. Nur 200m ist der Hügel, aber mächtig steil (naja, werden nicht mehr als 10% gewesen sein). Das Depot hier lassen wir aus, da uns ein weiterer Stop bei nur zwanzig ausbleibenden Kilometern nicht lohnend erscheint. Es zieht sich aber dann doch. Immer kleiner werden die Hügel, eher Mini-Wellen, 5 bis 10 Höhenmeter, aber jede kostet so unendlich viel Kraft.

3 km vor dem Ziel sind wir dann froh – es geht bergab, wir werden es schaffen. Dann 300 m vor dem Ziel der Schreck: in der letzten Kurve, am Ende der Abfahrt zur Seepromenade, ist ein Fahrer gestürzt und liegt auf dem Asphalt, andere kümmern sich. Vor uns erreicht ein Brite das Ziel – seine Radhose ist auf der rechten Hüfte zerrissen, es ist ordentlich Tapete ab.

6. Ankunft

Aber dann kommen wir ins Ziel. Zeit für Jubelposen ist kaum. Direkt 50 m dahinter geht man das Rad schiebend in abgesperrte Spuren. Jeder kriegt eine Medaille. Die hat man sich verdient. Große Euphorie? Vielleicht. Erleichterung? Sicher. Am ehesten das Gefühl „ich hab es der Rundan gezeigt“. Ein paar hundert Meter weiter gibt es Bier. Eiskalt. Und dann kommt die Sonne zum ersten Mal an diesem Tage heraus. Aber so ausgekühlt wie wir sind, haben wir keine Lust auf Bier und Seeblick. Bloß zum Auto und rein in die trockenen, warmen Klamotten.

Daheim im Quartier dann eine warme Dusche, ein paar Minuten in Ruhe auf dem Bett liegen. Und dann ganz einfach Pizza essen, Aug’ in Aug’ mit der schwedischen „Durchschnittsbevölkerung“ und vorbeifahrenden Autos mit aufgebohrten Motoren. So ist Schweden also auch – mal ganz anders, als die Ruhe auf einer langen Fahrradrunde.

Denn Sonntag genießen wir noch vor Ort, um zu regenerieren. Eigentlich wollten wir die Beine locker ausfahren. Aber das Wetter ist morgens ungemütlich, so dass wir im Auto losfahren, um das Ostufer des Sees zu erkunden. Schön ist es hier, besonders, als es dann gegen Mittag aufklart. Wir genießen Kaffee und Kuchen in der reizenden Stadt Vadstena, dem Gründungsort des Birgittenordens.

 

7. Die Rückfahrt

Die Fahrt durch Schweden zieht sich hin, unterbrochen nur durch einen kurzen Stop zum Einkauf typisch schwedischer Spezialitäten. Ektorps blåbärsoppa haben wir tatsächlich gekauft. Nach der ersten Fährfahrt müssen wir hinter Zirkuswagen hinterherbummeln, verpassen die Fähre in Rødby knapp, aber die Intervalle sind zum Glück kurz. Nach weiteren zwei Stunden über die Landstraßen und Bad Segeberg kommen wir müde in Wedel an.

8. Fazit

Tja, macht man so etwas noch einmal? Im ersten Augenblick überwiegt sicher das „Warum sollte ich mir das noch mal antun?“ Die Fahrt war sehr anstrengend, hat uns an die körperlichen Grenzen gebracht, vermutlich auch wegen des lang andauernden Regens und der Temperaturen, die nie über 13°C stiegen. Obwohl es natürlich 2004 noch um einiges schlimmer war!

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Bernd Hainzinger, RG Wedel, 29.07.2009