27 Ringe mit Rad

Plötzlich wird es unruhig hinter mir, eine laute Stimme, Bremsenquietschen, ein übermotivierter Schaltvorgang, undeutliche Widerrede, es scheint um die besten Plätze zu gehen. Ich hatte aus Mangel an willigen Mitstreitern das Tempo erhöht und war nun an zwei junge Holländer heran gefahren, um hier kurz auszuruhen. Doch die beiden spüren den großen Tross, dem sie mit einem Mal voranfahren, und verlangsamen ihrerseits. Irgendwie nicht mein Spezialgebiet, im Windschatten auszuruhen, ich will eigentlich weiter, und mitten in mein Zögern kommt es von hinten deutlich : "Vorbei, fahr vorbei!" Siehst Du, endlich mal jemand, der mich losschickt, der meine wahre Motivation erkennt.

Na warte.

Die Frequenz erhöht, ein Ritzel runter, und die Holländer sind passiert. Das Tempo ist merklich höher, das scheint auch denen hinter mir zu gefallen. Geniesserisches Schweigen, angenehme Stille. Das breite Teerband führt uns über seichte Kuppen springend Richtung Start-Ziel, zurück zum Infield, zur GP-Strecke.

Es ist Nachmittag, die grelle Sonne steht noch hoch und die Luft umgibt alles mit einer Wärme, die unsere Haut mit einem dauerhaft glänzenden Schimmer aus Schweiss und Staub überzieht.

Was für eine Strecke! Hier zu fahren, diese 25,4 km, diese 470 Hm pro Turn, beinahe habe ich das Gefühl zu wenigen Auserwählten zu gehören - the chosen one. Nie habe ich einen kompakteren Parcours erlebt, jagende Hochgeschwindigkeit und ächzende Steigung, so dicht beieinander. Wer 94 km/h bergab fährt, der drückt sich irgendwo auch mit 13 km/h die Rampe hoch, wer es einmal kann, kann es auch zweimal, wer es auch dreimal mag, der probiert es nach kurzer Pause erneut, 24 Stunden lang.

Ich stelle kurz meinen linken Ellenbogen raus, das Zeichen für meine Begleiter, mich abzulösen in der Führung. Ein ausgemergelter Typ, flach und doch gestreckt über dem Lenker, flüssigster Tritt, wettergegerbt, mit grauen Schläfen unter den Helmriemen schiebt sich Stück für Stück an mir vorbei. Ein Blick über die Schulter erklärt die Stille, niemand sonst, der mit uns fahren mag. Die müssen wohl irgendwo angehalten haben ;-)

Mein Blick fällt zuerst auf die neuen Waden vor mir, meine Güte, was für ein Trainingszustand, furchteinflößend. Dann mustere ich das grün-bunte Trikot und lese die Rückennummer keine zwei Meter vor mir- ein Kloß drückt von unten hoch, kurz halte ich vor Überraschung den Atem an, die Luft fehlt sofort, ich kann es nicht glauben, was ich da lese:

Klaus-Peter Thaler

Was für ein Geschenk, was für eine Begegnung nach meinem Geschmack, die Freude darüber verleiht mir die Kraft, die Lücke zu schliessen, die sofort enstanden ist. Horridoh, was drückt der alte Herr denn hier über den Kurs? Wir fliegen zusammen, dicht beieinander, wechseln stetig in der Führung, ich vermeide den Blick auf Geschwindigkeit und Puls, wird schon gut gehen.

Am Anstieg kurz vor Start-Ziel gehen wir nebeneinander aus dem Sattel, fahren Lenker an Lenker, der Rhythmus unserer kreisenden Beine trägt uns nach oben, einige versuchen, unser Tempo mitzugehen, aber zu überraschend pflügen wir durch die lockeren Formationen am Berg.

Oben drücke ich die Kette sofort auf die Scheibe und wir knistern tief geduckt gegen den Wind über die Start-Ziellinie und die Grandprix-Strecke. Vorbei an meiner Wechselzone, ein stetiges Auf und Ab vorbei an den etlichen Zelten, Wohnwagen und Reisemobilen. Langsam wird mir ein wenig mulmig ob der Geschwindigkeit, ob der Power, die wir zwei hier in blindem Verständnis frei setzen.

Nach einer Doppelkurve geht es in die zweite, sehr viel belebtere und größere Wechselzone rund um die Boxengasse.

In mir keimt ein wenig die Hoffnung auf, das hier für meinen Mitstreiter der Wechsel ansteht, und ich werde bestätigt, als ich ein gleiches grün-buntes Trikot am Rand stehen sehe, gestikulierend bereit den Transponder zu übernehmen.

Ich drehe mich nach hinten und ein Lächeln empfängt mich, unsere Blicke begegnen sich und ich sage : "Danke, hat Spaß gemacht!" Während er schon abbremst ruft er mir hinterher: "Ja, ich hab zu danken!"

Tschüß Herr Thaler, und allzeit gute Fahrt!


Paul, RG Wedel, 02.11.2010