LEBE DEINEN TRAUM – VIVE SU SUERTE

JAKOBSWEG – CAMINO DE SANTIAGO – PER RAD im Mai 2009

Schon lange plante ich, den Jakobsweg mit dem Rad zu fahren, um einen Schwur einzulösen. Aufgrund meiner drei Gelenk-Ersätze buchte ich eine individuelle Radreise mit Begleitfahrzeug, was sich später als sehr gut erwies, denn kein Reiseführer zeigt, wie kompliziert dieser Weg ist. Es ist ein ständiges bergauf, bergab, man denkt, man ist oben, es' geht rechts oder links weiter bergauf etc., etc. Die Abfahrten waren auch nicht ohne. Es ist die Hölle, Verrücktheit oder der komplette Wahnsinn und wiederum ist der Weg voll mit Erlebnissen. Gewisse Leylinien durchfließen den Weg und er läuft parallel zur Milchstraße, vielleicht daher die ganze Anziehungskraft. Man kann nicht mehr und dann kann man doch wieder weiter. Es war eine ungeheuerliche, trockene Hitze von 34°C, als ich in Pamplona startete. Hier in Spanien heißt der Weg „Camino“. Es ging zuerst zur Kirche Eunate de St. Maria (Highlight des Caminos, weil sie sehr hübsch sein soll), aber sonntags geschlossen. Weiter über die Brücke der Königin „Puente la Reina“, die im 11. Jahrhundert erbaut wurde, bis nach Estella.

Zwischendurch suchte ich Schatten - wie sich später herausstellte, war ich genau neben dem Grab des Großvaters. Ich fand schnell einen anderen Platz. Weiter ging es in das Weinanbaugebiet Rioja nach Logroño. Auf der Strecke nach Santo Domingo de la Calzada mit dem Hühnerwunder besichtigte ich das Kloster in Cañas. Nach dem alten Brauch läuteten die Glocken für mich, als ich das Kloster verließ und weiterzog. Der Pilger macht sich auf den Weg! Es herrschte wieder eine Hitze und ich suchte Schatten auf bei einem Haus, wo Menschen waren. Ich musste mir angewöhnen, von 13:00 bis 17:00 Uhr Siesta zu halten, und abends weiterzufahren. Es ging nach Kastilien hinein nach Burgos mit der berühmten Kathedrale St. Maria. Weiter in die Kastilische Hochebene über Castrogeriz nach Formista. Hier oben war es relativ flach und der Himmel war bedeckt – kann Radfahren schön sein!!!

Habe ich mich mal verfahren, es kam immer irgendwo Hilfe her. Manchmal läuft auch der Camino fürs Fußvolk neben der Straße oder man trifft andere Radfahrer, Spanier aus Cadiz, Holländer, Franzosen, Augsburger, Finnen, Slowenen, etc., etc. Dann kam Leon mit der Kathedrale, die über 100 farbige Buntglasfenster hat.

In Leon kamen vier weitere Radfahrer hinzu. Obwohl wir nun endlich eine Gruppe waren, fuhr ich alleine weiter, man traf sich halt abends. Weiter ging es über die Brücke Puente de Orbigo, die ich die „Brücke der Liebe“ nenne. Im 15. Jahrhundert schwor der spanische Ritter Don Suero de Quiñones - weil er von einer Dame verschmäht wurde - mit 300 anderen Rittern die Lanze zu brechen, um sie von seiner großen Liebe zu überzeugen. Wie es ausging, weiß man nicht, aber zur Erinnerung wird jedes Jahr am ersten Wochenende im Juni rund um diese Brücke ein mittelalterliches Spektakel gefeiert. Der Ritter muss ja genauso verrückt gewesen sein, wie wir, die den Camino abradeln. Über Astorga mit Kathedrale, Gaudi-Palast und römischer Stadtmauer geht es zum Cruz de Ferro, welches 1500 m hoch liegt. Hier soll man einen mitgebrachten Stein ablegen und mit ihm alle Sorgen, Sünden, Nöte etc. Ich habe keine mehr und hatte von zuhause zwei Steine mitgebracht, einer mit einem treppenähnlichem Gebilde und einer ganz flach und gab ihnen folgenden Spruch: „Viele Treppen hat das Leben, mal rauf, mal runter und mal eben.“
Später fügte ich hinzu: „und der Camino - ebenso!"

Es ging weiter nach Ponferrada mit der Templerburg, wieder ein Montag und geschlossen. Nun ging es hinein nach Galicien und hinauf auf 1395 m Höhe nach O’Cebreiro, ein altes Berg-Steindorf. Ein Muss des Caminos, bloß gesehen haben wir nichts, es war so neblig, dass wir zum Teil im Auto blieben. Wieder unten angekommen, ging es weiter per Rad über Samos nach Portomarin mit dem neuen Stausee.

Endlich mal Wasser!!! 1960 war das alte Portomarin überflutet worden und wurde am Berg neu aufgebaut. Da wir in den Ortschaften unsere Unterkünfte abends selbst finden mussten, suchte ich meistens erst die Pilgerherberge auf, um einen Stempel zu erhalten (man bekam diesen auch in den Kirchen), dann zum Supermarkt, um für den nächsten Tag einzukaufen und dann kam das Hotel dran.

„Das letzte Abendmahl“ (Das einzige Abendessen des Veranstalters) fand in Arzúa statt, eine Station vor Santiago. Von wegen, man rollt runter nach Santiago, ein auf und ab und auch hier hilft mir ein Pilger, das Rad hochzuschieben, obwohl selber Knie und Fuß verbunden! Es geht auf den „Monte de Gozo“, den „Berg der Freude“. Die damaligen Pilger nannten ihn so, weil sie von hier aus nach all den Strapazen auf Santiago blicken konnten, das Ziel (fast) erreicht.

„Santiago“, das kleine Straßenschild – ein Schrei von mir – ist erreicht. Ich stehe vor der Kathedrale auf dem Praza do Obradoiro - und weine!

Erst gehe, schleiche - ist schon der Pilgergang – ich in die Kathedrale mit dem überwältigenden Goldenen Altar. Übrigens strahlen alle Kirchen und deren Altäre, die immer in Gold gefasst sind, eine derartige Macht und Kraft aus, es ist unbeschreiblich. Dann gehe ich zum Pilgerbüro, wo ich kaum noch die Treppen hochkomme und erhalte meine Compostela. - und treffe hier viele bekannte Gesichter wieder. Am nächsten Tag ist für uns um 12:00 Uhr die Messe. Es ist eine ergreifende Zeremonie, eine Nonne singt mit ihrer hellen, klaren Stimme, wir singen es nach, die Anzahl der verschiedenen Nationalitäten wurden erwähnt, die Messe und zum Schluss wird das Weihrauchfass – „Botafumeiro“ von sieben Personen durch die Achse des Querschiffes der Kathedrale geschwenkt, dazu die brausenden Orgeltöne, die das Kirchenschiff füllen. Wir dankten den fünf irischen Pilgern für diese Zeremonie, denn sie muss gesendet werden.

2010 ist ein heiliges Jahr, da der Jakobstag am 25. Juli auf einen Sonntag fällt. Eine Woche lang wird gefeiert. Nur in einem solchen Jahr wird die Heiligen Pforte geöffnet. Das nächste ist erst 2021.

Meine Radreise ist hier zu Ende, aber nicht so der Camino, er geht bis zum Kap Finisterre, das Ende der Welt, wie die Pilger es einst nannten. Ich nehme den Bus, bin einen Tag am Strand und finde viele Jakobsmuscheln und den nächsten Tag wandere ich ans Kap Finisterre. Wegen der gefährlichen Strömungen nennt man die Küste hier die Todesküste "Costa da Morte", aber heute ist der Atlantik ruhig und es ist heiß. Auf einem Sockel mit einem Eisengerüst liegen und hängen Sachen, die die Pilger dort abgelegt haben. Ich lege meine Fahrrad-Flasche mit dem darauf gemalten RG-Wedel-Emblem zwischen zwei Stiefel, damit der Wind sie nicht so leicht wegträgt.

 

Ich bin dankbar für alles. Ich bin heil an- und zurückgekommen.

Ich habe meinen Traum gelebt.

Gerties Fotos

Gerties Pilgerpass

Gerties Weg

Strecke auf Google Maps nachgezeichnet, ist nicht Meter-genau.



Gertie, RG Wedel, 26.06.2009