Vom Elbtunnel in den Englischen Garten - Tour der Leiden.

Naja, zum Teil.

 

 

Wir sind nur Hobbyradler. Zwar welche mit Rennrad, aber nur Hobbyradler. Bernd, dessen 66. Geburtstag den Beginn unserer Deutschland-Tour markiert, ist immerhin mit mehr als 5.000 km jährlich auf dem Rennsattel ein ernstzunehmender Radler. Ich, 36, bin beruflich dazu verdammt, am Schreibtisch zu hocken. Auch mal länger. Job und Familie machen es schwer, weit über 1.500 km auf dem Rad zu kommen.

 

Aber wenn man sich auf die Reise macht mit dem Rad, mit kleinem Gepäck, ohne touristischen Eifer und mit einem strammen Streckenplan, dann ist es halt schon so, dass man nach spätestens der zweiten Etappe in einer Art Paralleluniversum angekommen ist. Ganz egal, was in der Weltpolitik passiert. Welcher Wochentag ist heute? Who cares! Alles, was interessiert ist: das Frühstück, die Antizipation der Strecke, der Respekt vor dem Berg. Beim Cremen der Hose und Einsteigen steigt der Puls schon auf 110 bpm. Dann auf den Sattel. Fahren. Weg suchen, Karte lesen. Fahren. Fahren. Abends nur noch Müdigkeit. Ausziehen, warme Dusche, 15 Minuten dösen auf dem Bett. Essen, essen, essen. Sich wach halten auf dem Bett bei der Vorbereitung der Streckenführung für den nächsten Tag. Und dann schlafen. Tja, wenn's geht. Das ist nämlich ähnlich wie bei der Tour de France: kleine Pensions- oder Hotelzimmer, zwei total auf Hochtemperatur laufende Fahrer und die Resthitze vom Tage steht noch im Zimmer ...

 

Die Strecke war schön. Aber auch echt bergig. Harz, klar, den hatten wir einkalkuliert. Aber wer kennt schon das Ohmgebirge? Den Hupstädter Wald? Und der Rennsteig ist halt schlicht und einfach steiler und fieser als der Harz.

 

Beim Wetter hatten wir Glück. Erster Tag Regen. Doch dann von Tag zu Tag heißer, immer über 30°C im Schatten. Aber wo haben wir schon Schatten? Ach ja: in Thüringen gibt es mittags keine offenen Gaststätten und die Supermärkte dort schließen von zwölf bis drei.

 

Gepäck:

Rucksack, ca. 5 kg / Satteltasche, 1,4 kg / Trikottaschen voll

 

Résumé

 

Etappe

Länge in km

Höhenmeter

Dauer in h

kcal

Start und Ziel

Schwierigkeiten

1

131

695

05:51

4.500

HH - Celle

 

2

115

650

05:15

3.600

Celle - Goslar

 

3

115

1.960

05:30

3.400

Goslar - Mühlhausen

Harz, Ohmgebirge

4

94

1.200

04:51

2.850

Mühlhausen - Ilmenau

Thüringer Wald

5

113

1.300

06:15

3.700

Ilmenau - Bamberg

Rennsteig, Franken

6

108

1.100

05:35

3.000

Bamberg - Neumarkt

Fränk. Schweiz

7

83

350

03:40

1.800

Neumarkt - Kelheim

 

8

115

820

05:21

2.700

Kelheim - München

 

Summe

874

8.075

42:18:00

25.550

 

 

 

 

 

Road kill: 4 Igel, 1 Taube, 1 Katze

 

Es hat sich als richtig erwiesen, die Unterkünfte vor Antritt der Reise zu buchen, da man nach 5-6 Stunden im Sattel am Ankunftsort keine Lust mehr verspürt, noch lange nach einer passenden Unterkunft zu suchen. Gasthäuser, Pensionen und kleine Hotels entnahmen wir dem „Bett und Bike“-Verzeichnis des ADFC. Diese Häuser bieten dann auch stets eine Unterstellmöglichkeit für die Räder.

 


Etappe 1 – Monsun in der Nordheide

 

Sonnabend, 28.06.2008

Hamburg – Celle

 

5:51 h / 131 km / 695 Hm / Mx 42 / Avg 22,4

Puls avg 160 / Mx 180 / In = 3:01 h / Above = 2:48 / Below = 0:02 / 4.500 kCal

3 Bidons, 1 Riegel, 1 Suppe

9:26 ab Alter Elbtunnel / 16:30 an Celle, Pension Dreyer

Ärmlinge, Knielinge, Regenjacke, Überschuhe, Kappe

 

Bei der Abfahrt an den Landungsbrücken herrscht Hamburger Schietwetter: Nieselregen, grauer Himmel, 16°C. Wir lassen uns von drei Japanerinnen vor der Hafenkulisse photo­graphieren , schnell noch eine Aufnahme mit Selbstauslöser im Elbtunnel – und ab geht’s. Auf der südlichen Elbseite fahren wir zunächst über Kopfsteinpflaster, der ganze Hafen hat viel Atmosphäre, denn die Bilder von Containern und brachliegenden Lagerhallen werden ergänzt durch den Geruch von Diesel und Kaffee. Der Weg aus Hamburg heraus ist gekennzeichnet durch viele Richtungswechsel und einige kleine Anstiege. Hinter Harburg verfahren wir uns geringfügig, aber hier lässt sich ein verpasster Abbieger leicht kompensieren, da das Straßennetz eng ist. Fünf Kilometer mehr oder weniger werden den Braten schon nicht fett machen.

 

Als es ländlicher wird und die Richtungswechsel weniger, wird der Regen stärker. Es kommt zu monsunartigen Wolkenbrüchen und der Wind frischt stark auf. Ich bin froh über meine letzten Anschaffungen: die Knielinge und die super-leichten Überschuhe.

 

Unterwegs in Jesteburg ein erster Riegel gegen den heftig aufkommenden Hunger. Puls 177 ist mein stetiger Freund geworden. Kurz vor 70 km kommen wir in Bispingen an. Der Regen hat einiges an Kraft gekostet, außerdem mein Übermut und die Umstellung vom Sesselpupsen auf Sporturlaub. Nie hat eine Bohnensuppe so gut geschmeckt, und auch der Kaffee mit viel Zucker gibt ein paar Körner und viel Motivation zurück.

 

Allerdings ist die Heide nicht flach, zumindest für so einen Flachländer wie mich, der eigentlich nur in der Haseldorfer Marsch fährt. Und so bin ich nach 90 km schon wieder platt. Der Regen lässt nach, nur noch gelegentlich Schauer und dann wird es trocken. Photo vor einer Wietzendorfer Bäckerei, die noch einen Sinnspruch aus anderen Zeiten präsentiert: „An deutscher Kraft zerschellt die Not, aus deutschem Korn wird deutsches Brot.“ In der Stadt Bergen finde ich ein Kaffee, ordere zwei Cappuccini. Zwei ältere Herren an den Tischen fangen ein Gespräch an mit Bernd und mir. Erschreckt stellen Sie fest: verflixt, der Kräftigere der beiden Verrückten, die nach München fahren, der ist ja älter als wir!

 

Trotz Kaffee geht nicht mehr viel bei mir. 3 Bidons und 1,5 Riegel sind zu wenig für mich. Ab Kilometer 110 lege ich mich bei Bernd aufs Hinterrad und wir rollen den öden Radweg an der Bundesstraße nach Celle. Berni drückt lässig und verlässlich das große Blatt.

 

Die Pensionswirtin, Frau Dreyer, empfängt uns herzlich. Zunächst waschen wir die Räder mit dem Gartenschlauch ab, dann dürfen wir unsere durchnässte Kleidung bei ihr in die Wäsche geben, nur die Hosen behalten wir, da wir nicht wissen, ob sie rechtzeitig trocken werden. Das Zimmer ist seinem Namen nach eingerichtet – Puppenstube –, aber ordentlich.

 

Während Bernd und ich auf ein Weissbier in die Fußgängerzone gehen und anschließend im La Buca (italienisch für Kellerlokal aber auch für Schlagloch – hoffentlich kein schlechtes Omen) an der Aller zu Abend essen, wird unsere Sportkleidung zum Trocknen auf die Leine gehängt. Nach Antipasti, Nudeln, Tiramisu, Weissbier und Grappa sind wir gestärkt und kehren heim in die Herberge, wo wir unsere schon trockene Kleidung vorfinden. Super Service.

 

Bestandsaufnahme in der Unterkunft: Waden etwas müde, aber der Quadriceps und vor allem die ansetzende Sehne Richtung Hintern ist ziemlich verhärtet. Mir schwant Übles für die nächsten Tage, ich erinnere mich an die Tagebucheinträge von Robert Förster, dem die bevorstehenden Bergetappen auch stets einige Sorgen bereiten. Der Fernseher läuft im Hintergrund (irgendein commissario), ich inspiziere Profil und Wegpunkte des Folgetages, Bernd schläft ein beim TV.

 

 

Etappe 2 – Die Vorboten der Berge

 

Sonntag, 29.06.2008

Celle – Goslar

 

5:15 h / 115 km / 650 Hm / Mx 53 / Avg 21,8

Puls avg 139 / Mx 182 / In = 1:28 / Above = 0:05 / Below = 4:54 / 3.600 kCal

4 Bidons, 1 Riegel, 1 Mars, 1 Wurstmahlzeit

9:30 ab Celle / 16:30 an Goslar, Hotel garni Kirchner

kurz

 

Mit wärmender Sonne beginnt unsere heutige Etappe und kurz nach Mittag erreichen wir Temperaturen von 30°C – ein extremer Wetterwechsel für uns. Bis Peine ist unsere Fahrt recht ereignislos, es ist flach und nur der Wind aus Süden (!) steht einem flotten Vorwärtskommen etwas entgegen. In Peine halten wir an der Tanke, füllen die Bidons, die wir wegen der zunehmenden Hitze schon geleert haben und essen ein Mars. Kurz darauf müssen wir streckenmäßig umplanen, denn die Hochbrücke ist für Radfahrer gesperrt. Dann, kurz hinter Peine, kommt der Harz in Sichtweite und wir fragen uns, wie uns das Gebirge wohl bekommen wird – insbesondere mit Zusatzgewicht auf dem Rücken.

 

Passenderweise wird das Gelände jetzt auch welliger. Die Sonne knallt, die Weizenfelder sind grellgelb – alles sehr schön und sehr anstrengend. Der Schweiß fließt in Strömen. In Söhlde versucht ein dicker etwas schlichter Mann, der in der Mittagshitze geht („Ich muss abnehmen.“), uns eine Gaststätte zu weisen. Leider erfolglos. Wir fahren also weiter über Lesse („Gehen Sie nisch in Paradiso, isse schleschte Café“) nach Burgdorf-Bahnhof, der Routenplaner schickt uns dann nach Hohenassel – er will wohl, dass wir noch mal 50 Höhenmeter sammeln, obwohl das eigentlich unnütz ist. Wir sind zur Zeit eher auf deren Vermeidung aus, denn wer weiß, was noch kommt. In Westerlinde, nahe Salzgitter, sind wir überrascht, dass von Industrie gar nichts zu sehen ist. In der Nähe der Autobahn hocken wir uns kurz unter einen Baum, essen einen Riegel, Kappe ab und weiter geht’s.

 

Den ersten echten Höhenzug, der auf unserer Strecke vor uns liegt, umfahren wir plangemäß Richtung Westen; es handelt sich um die Lichtenberge, einen Teil des Salzgitter-Höhenzugs. Gasthöfe finden wir in Wartjenstedt nicht, aber Bernd hat Hunger. Also fahren wir in Rhede an der Innerste rechts ran, als er eine Gaststätte sieht, die ihre besten Tage wohl erlebte, als die Autobahn noch nicht gebaut war und die heute, um Bernd zu zitieren, dem Tode geweiht ist. Die Wirtin ist Bernd altersmäßig locker überlegen, aber zwei Bratwürste und zwei alkoholfreie Pils bringt sie zustande.

 

Richtung Baddeckenstedt und Heere geht es über die Innerste und dann immer mehr oder weniger an ihr entlang. Zwei ordentliche Ausläufer des Hainbergs müssen wir Richtung Upen mitnehmen, es wird welliger. Unten an der Innerste dann Phototermin auf einem Privatweg bei Posthof, als der Brocken gut erkennbar ist. Wie der wohl zu fahren ist, dieser Harz...


 

Der Rest des Weges verläuft ohne erkennbare Steigung, aber wieso fahren wir dann die letzten 15 km so langsam? Harmloser Daueranstieg von ca. 2%. Direkt in Goslar, 500 m vor der Pension wird es dann alles andere als harmlos. Die Straße ist am Rand des Harzes geführt, für 200 m geht es mit 14% bergauf, der Puls rast auf 182. Mein Handy klingelt, und ich Depp fahre rechts ran, denn meine Frau ist ja hochschwanger. Nichts wesentliches, zum Glück.

 

Wenige Meter weiter liegt unser Hotel garni an der steil Richtung Innenstadt führenden Doktorswiese. Der Empfang hier ist bei weitem nicht so herzlich, eher professionell. Die Wäsche? Waschen geht nicht. Aber man könne man sie doch im Bad trocknen – na ja, später erinnert man sich doch an die Haken im Fahrradschuppen im Garten, in den ja auch die Räder kommen. Das Zimmer ist renovierungsbedürftig, ohne schmutzig zu sein, aber es finden sich zwei Flaschen Pils im Kühlschrank. Sehr gut, denn die Muskeln der Oberschenkel sind sauer und leicht verhärtet. Und wir stellen beide fest, dass unser Puls den Tag über schon mindestens 10 Schläge niedriger war als üblich, er geht – mit Ausnahme von Extremsituationen wie den 14% – gar nicht mehr richtig hoch.

 

Nach der Dusche geht es in die Innenstadt, essen mit bestem Blick auf den Großbild­fernseher (EM-Finale, leider weniger genussvoll) direkt an der Kirche örtliche Spezialitäten. Bernd wundert sich, dass ich so viele davon essen kann – das kennt er sonst nicht. Im Hotel: Vorbereitung des folgenden Tages und schlafen!

 

 

Etappe 3 – Harz ... und mehr

 

Montag, 30.06.2008

Goslar – Mühlhausen in Thüringen

 

5:30 h / 115 km / 1.960 Hm / Mx 71,9 / Avg 20,8

Puls avg 145 / Mx 182 / In = 1:43 / Above = 0:31 / Below = 3:14 / 3.400 kCal

4 Bidons, 1 Riegel, 1 Stück Kuchen

9:30 ab Goslar / 17:15 an Mühlhausen, Sporthotel

kurz, leicht; Ärmlinge gegen Sonne

 

9,6 km/h – so langsam kann man bergauf Rad fahren, ohne runterzufallen! Aber alles der Reihe nach ... Der Respekt vor dem ersten langen Anstieg, der nur 500 m von unserem Hotel beginnen soll, und dem insgesamt auffälligen Profil ist groß. Der Hunger ist daher klein und bleibt es auch, da das Frühstück mau ist, Brötchen hart. Um dennoch ein paar Kohlenhydrate zur Verfügung zu haben, esse ich zwei kleine Portionen Honig. Kaffee ist aus den bekannten Gründen sowieso zu trinken.

 

Wir schieben die Räder 30m zum Ende unserer Straße hinauf und steigen auf – 500 m treten wir locker bergab und dann geht es die B 241 hinauf nach Clausthal-Zellerfeld. Glücklicherweise ist die Luft noch frisch und die Straße in weiten Teilen beschattet. Ich gebe das Tempo vor, gleichmäßig fahren wir den Berg hinauf, anfangs mit 14 km/h, später um die 12 km/h. Auch der leichte Gegenwind stört nicht. Frohgemut kommen wir in Clausthal an, da diese 10 km lange Steigung wirklich überraschend gut gelaufen ist. Natürlich haben wir ein paar Körner verbraucht, aber der Anstieg war moderat und recht gleichmäßig (geschätzte 6%). An der Tankstelle erhöhen wir den Druck unserer Reifen und weiter geht es auf dem Bergrücken, leicht wellig, bis dann die Abfahrt nach Osterode naht. Wir prüfen den Zustand der Reifendecken, entfernen jeder einen scharfen Stein, der sich eventuell durchdrücken könnte und fahren dann mit bis zu 72 km/h das 10%ige Gefälle hinab.

 

Durch Osterode folgen wir den Anweisungen des Routenplaners, also müssen wir entgegen dreier Einbahnstraßen rollen / schieben, aber es läuft flott nach Herzberg, Pöhlde, Rhumspringe. Nur unser Magen knurrt und wir finden keine Gaststätte – ehemaliges Zonenrandgebiet! Das Problem unterschätzen wir zunächst. Ein anderes Problem ist, dass ich mir am gestrigen Sonntag einen ordentlichen Sonnenbrand auf den Oberarmen zugezogen habe. So fahre ich jetzt bei strahlender Sonne und Temperaturen um 30°C die ganze Zeit - sogar bergauf - mit meinen Ärmlingen.

 

Hinter Hilkerode überfahren wir die Landesgrenze von Niedersachsen nach Thüringen und kommen in das Dorf Zwinge. Ein junges Ehepaar mit zwei Kindern erklärt uns, dass es hier nirgends Gasthöfe gibt, nein, nicht einmal einen Supermarkt. Das Angebot der jungen Frau, uns Wasser zu geben, lehnen wir leichtsinnigerweise ab. Sie würde gerne ihre Kinder gegen unsere Fahrräder tauschen. Denn die beiden sind schon von Trier nach Barcelona geradelt und sie allein auch schon an einem Tag von Köln nach Zwinge. Respekt. Weiter geht es nach Jützenbach, wo wir Glück haben, dass im Vereinsheim gerade die Reste der nächtlichen Feier beseitigt werden. So bekommen wir Wasser für unsere Bidons und ein paar Informationen über den bevorstehenden Sonnenstein – so heißt der nächste Berg.

 

Der Sonnenstein gehört zum Ohmgebirge, das wir vorher nicht kannten: es ist recht klein, man hätte es auch umfahren können. Vergessen werden wir es nicht mehr, denn jetzt fahren wir hoch zum Sonnenstein, für uns sind 486 m (üNN) wieder recht viel. Oben gibt es einen schönen Blick, trotz Abraumhalde. Es folgt eine kurze Senke und ein knackiger 10%-Anstieg, den wir meistern, dann geht es bergab, und das macht wieder Spaß. Unten angekommen ziehen wir die Westen aus und essen in Worbis ein Stück Kuchen mit warmem Weißbier (alkoholfrei). Gewöhnungsbedürftige Mischung, aber wir brauchen Energie. Für den hübschen Ort haben wir leider keine Zeit, denn wir wollen ja noch nach Mühlhausen. Und laut Profil steht uns noch ein Zacken im Wege.

 

Wenig später haben wir den Gegner identifiziert: es ist der Hüpstedter Wald, ein Teil vom Dün. Von Rüdigershagen geht es 2-3 km steil auf ca. 490 m hinauf. Berni muss kämpfen. Dann hinunter ins Thüringer Becken, dessen Böden zu den fruchtbarsten Deutschlands zählen. Und wieder strahlen Sonne und die gelben Getreidefelder um die Wette. Müde rollen wir nach Mühlhausen hinein.

 

Dort angekommen steht uns der Sinn nach Entspannung. Und nach einem Sitzplatz, der uns die Sitzprobleme und die zähen Beinmuskeln vergessen lässt. Zum Glück hatten wir eine Massage gebucht – und der ehemalige Box-Champion von Brandenburg im Halbschwer­gewicht knetet unsere Beine ordentlich durch. Nichtsdestotrotz haben wir keine Lust mehr, uns in Richtung Innenstadt zu bewegen, denn den Hintern wollen wir nicht auf den Sattel setzen. Ein bisschen Obst gekauft, ein bisschen Fernsehen, wir nehmen noch einen Absacker an der Bar. Irgendwie verspricht das Profil für morgen auch wieder Wellen, aber en detail planen wir die Route nicht mehr.

 

 

Etappe 4 – In Thüringen herrscht Dürre

 

Dienstag, 01.07.2008

Mühlhausen in Thüringen – Ilmenau

 

4:51 h / 94 km / 1.200 Hm / Mx 53,5 / Avg 19,3

Puls avg 139 / Mx 186 / In = 1:02 / Above = 0:15 / Below = 3:36 / 2.850 kCal

3 Bidons, 1 Cola, 1 Riegel, 1 Knackwurst

9:30 ab Mühlhausen Hotel / 18:00 an Ilmenau, Pension Melanie

kurz, leicht; Mütze wegen Sonnenschutz; Ärmlinge gegen Sonne

 

Trotz sengender Hitze (schon um 9 Uhr sind es 29°C im Schatten) steige ich wieder mit Ärmlingen aufs Rad. Wir machen einen Abstecher durch die Altstadt – und die ist es definitiv wert. Wir wollen ein Beweisphoto. Bernds Frage, ob der angesprochene Herr eine Kamera bedienen könne, beantwortet der nur mit „Isch bin Össi.“ Er kann es aber doch.

 

Wiederum Getreide, Sonne, Hitze. Am Rande des Hainich fahren wir Richtung Südost, bis wir in Weberstedt einen Radler treffen, der wohl schon im Jugend-A-Team gefahren ist. Durch den welligen Nationalpark, vorbei am Baumgipfelpfad, und dann wieder in die baumlosen Gebiete. Hitze – und wieder keine Gaststätte, kein Supermarkt. Der vorletzte Riegel, also sparen wir den letzten für morgen – wir hätten mehr einkaufen müssen. Mit viel Glück finden wir in Tüngeda einen „Getränke-Keller“, der vom bissigen Hund bewacht wird. Nach unserem Dafürhalten ist das eigentlich ein Partykeller – aber die Inhaberin hat frisches Wasser da. Und eine Cola. Wovon die Leute hier leben, wenn nicht von der Landwirtschaft, fragt Berni. Hartz 4, ist die Antwort. Na denn, nix wie weiter.

 

Die Gothaer Altstadt lassen wir links liegen und kommen wieder durch die kleinsten Dörfer. In Petriroda gibt der Hahn sein schönstes Kikeriki von sich, als wir vorbeiradeln. Vielleicht war das seine Warnung, dass jeder kurze Anstieg hier wirklich eine Rampe ist – nicht lang, aber immer über 8%. Und so sind wir nach all den kleinen Stichen extrem erfreut, als wir in Ohrdruf eine sehr, sehr schlichte Kneipe finden. Eine Wurst gibt es namens Thüringer Knacker – so in etwa wie die Kochwurst, die bei uns daheim zum Grünkohl gereicht wird, schmeckt sie. Der Wirt ist beeindruckt von unserer Tour und warnt uns vor dem Anstieg Richtung Wölfis. „Da müsst Ihr absteigen“ sagt er. Die Mauer von Wölfis (Wölfiser Straße) ist beeindruckend. Ungefähr so steil wie der Waseberg, der steile Teil ein gutes Stück länger und zur großen Freude auch noch mit Kopfsteinpflaster. Angespornt von der Warnung des Wirts schaffe ich es hinauf, Plus 186.

 

Weiter über Crawinkel, Frankenhain, Gräfenroda – und dann kommt eine Frechheit: eine ganz neu gebaute Schnellstraße (B 88n / Ilmenauer Straße), beinahe geradeaus den Berg hinauf, 10%, 100 Hm, dann rechts auf eine kleine Straße (Gothaer Straße), weiter bergauf, zusammen fast 2 km (?), Puls 184, dann steil runter nach Geschwenda und direkt wieder 60 Hm bei ca. 10% bergauf nach Geraberg. Anschließend wellig, aber parallel zum Höhenzug hinein nach Ilmenau.

 

So eine Anhäufung von steilen Kanten habe ich auch in der Passauer Umgebung noch nicht erlebt. Wir sind wirklich geschafft – und die Angaben des Pulsmessgeräts bringen mich zum Lachen: keine 3.000 kCal – nun gut, das hat er mittels der Pulsraten errechnet. Aber diese Berechnung ist nicht ernst zu nehmen. Gerade mal 15 Minuten oberhalb von dem Pulsbereich, der üblicherweise dem Training meiner Grundlagenausdauer dient. Aber die eine Stunde, die ich in diesem Bereich verbracht habe, entspricht dem Entwicklungsbereich. Denn infolge der sich summierenden Erschöpfung geht der Puls nur noch bei den Anstiegen in den „Grundlagen“-Bereich. Über 160 Schläge pro Minute schaffe ich nur noch bei den wirklich starken Anstiegen – 10% und mehr.

 

In der Pension Melanie genehmigen wir uns nach eher kühler Begrüßung durch den Hausherren das zum Glück noch kühlere Pils aus dem Hotelkühlschrank. Wieder einmal sind Bernd und ich trotz erster Bierkühlung hocherhitzt, das Zimmer auch und so kriechen wir an den Schmetterlingskästen im Treppenhaus vorbei und durch die Hitze hinunter in die Stadt, um Geld und Essen zu beschaffen.

 

Sind es die Nerven, die Anspannung vom heutigen Tage oder die Unterversorgung mit Nahrung? Jedenfalls kriege ich Magenkrämpfe. Aber zum Glück bietet der kleine Biergarten in der Fußgängerzone Thüringer Würste (grob, lecker) an, die ich mir mit Spaghetti kombinieren lasse. Der halbe Liter Bier kommt zu 1,80 Euro. Da testen wir die örtliche Spezialität, zumal wir „Bergfest“ feiern können, aber ich bleibe eher beim Radler.

 

 

Es geht gen Pension, Fenster voll auf, Telephonieren mit der Heimat auf dem Fensterbrett und nur in Boxershorts. Der Schlaf aber ist unruhig, Thüringen und wir sind überhitzt.

 

 

Etappe 5 – Der Tag der Schmach / Die Schande von Ilmenau

 

Mittwoch, 02.07.2008

Ilmenau – Bamberg

 

6:15 h / 113 km / 1.300 Hm / Mx 56,3 / Avg 18,1

Puls avg 140 / Mx 191 / In = 1:45 / Above = 0:11 / Below = 4:12 / 3.700 kCal

4 Bidons, 2 Radler und 1 Cola / Weizen unterwegs, 1 Riegel, 1 Baguette

9:50 ab Ilmenau / 19:00 an Bamberg, Hotel Wilde Rose

kurz, leicht; Mütze wegen Sonnenschutz; Ärmlinge gegen Sonne

 

8,5 km/h und dann die Schmach: ich muss absteigen. Das nennt man einen schlechten Start: von der Pension rollen wir nur 400 m zum Supermarkt, füllen die Bidons, fahren 200 m und dann geht es in den Rennsteig. Die Steigung (den „Waldweg“ hoch) ist anfangs tolerabel, aber nach gut 1 km heißt uns das Schild „12 %“ im Vorhof der Hölle willkommen. Kiekelhahn nennen sie die Ecke hier. Eine Qual. Zunächst 500 m geradeaus. Ich schaffe es, den Mähwagen zu überholen und fahre um die Kurve herum. Puls 184. Dann sehe ich zu meinem großen Schrecken, dass es weiterhin steil ist. 200 m weiter geht noch - aber hinter dem Abzweig zur Bobbahn muss ich absteigen. Schuhe aus, schieben - und ärgern. 300 m weiter kommt ein Parkplatz, wo ich auf Bernd warte – er hat sich schon früher als ich weise entschieden, zu schieben. Nach kurzem Gespräch wieder Schuhe an und dann versuche ich, weiter zu fahren – und jetzt geht es. Nur noch ein paar hundert Meter, dann ist das schlimmste geschafft.

 

Oben in Neustadt am Rennsteig angekommen trinken Bernd und ich Cappuccini. Bernd beschließt, denn Rennsteig in Gehsteig umzubenennen. Ich ziehe Energie aus einem Rennsteigstein (eine Art Granatsplitter – kalorische Granate, würde ich sagen), während der Inhaber in bester Manier eines Jammerossi darüber lamentiert, dass man früher in der DDR wenigstens die 5-Jahres-Pläne hatte, während sich heute täglich alles ändert.

 

Wir brechen auf und finden die Wellen auf dem Rennsteig erträglich, zumal der Wald uns vor der Sonne schützt. Sebastian Lang (Gerolsteiner) fährt vorbei wie ein Moped und wirft uns ein kurzes „Höj“ zu. Locker sitzt der auf seinem Bock. Ich versuche, in Imitation von Jens Voigt (flach auf den Lenker mit den Unterarmen, sichtbares Ruckeln im Oberkörper bei jedem Tritt) nur ein klitzekleines Stück dranzubleiben. Gar nicht dran zu denken. Was dachte ich mir dabei nur? Schließlich fährt er doch in 4 Tagen bei der Tour de France, nicht ich. Ein älterer Rennfahrer, der von einer Seitenstraße aufkommt, klärt die Sache – Seppel wohnt hier in der Nähe und will sich den Ärger über die verpasste Olympia-Quali aus den Beinen fahren.

 

Als wir glauben, den Rennsteig hinter uns gelassen zu haben, zeigt der Thüringer Wald uns, dass er doch nicht so klein ist. Bei Kahlert hinunter nach Gießübel, dann wieder von 540 m hoch auf 740 m und durch den Ort Heubach hinab ins Tal. Die Abfahrt durch Heubach ist erschreckend. Abfahrt von 740 m auf 560 m und gefühlte 15% steil – wir müssen dauernd bremsen. Der arme Kollege, der uns entgegen kommt, hat einen knallroten Kopf und kurbelt auf etwas herum, das wie eine Übersetzung für Mountainbikes aussieht. Weiter durchs Tal, aber hinter Einsiedel müssen auch wir noch einmal bergauf – nach Waffenrod, wieder bei 700 m.

 

Nun aber endlich raus aus dem Thüringer Wald. Kurz hinter Eisfeld setzen wir uns – erschöpft, erhitzt und durstig – 15 Minuten in eine Unterführung unter der A 73. Ein älterer Herr erscheint auf einem quietschenden Rad – er erklärt, er sei 76 Jahre alt und müsse ins nächste Dorf. Dann gibt er uns Tips für die Weiterfahrt. Als der Mann verschwunden ist, äußert Bernd (zum ersten und einzigen Mal auf der Tour) die Sorge, wir könnten es heute eventuell nicht ins Etappenziel (Bamberg) schaffen: nicht nur, dass wir entkräftet sind – es ist extrem heiß und auch schon nach zwei Uhr.

 

Dennoch machen wir uns auf die Strecke: Herbartswind, parallel zur Autobahn, dann nach Mirsdorf. Ich höre zum ersten mal ein Knarzen an meinem Rad, vermutlich vom vielen intensiven Fahren im Wiegetritt – Nabe oder Lenkkopflager? Außerdem ist die Radhose, die ich seit gestern trage, offensichtlich kürzer als jene der ersten Tage – Sonnenbrand nun auch auf dem Oberschenkel. Also auch noch die Knielinge an, die Ärmlinge trage ich ja eh.

 

Weiter geht es nach Meeder; wegen der dortigen Baustelle auf der Dorfstraße fahren wir über zwei Bauernhöfe und Splitwege. Unten in Wiesenfeld suchen wir eine Gaststätte – ohne Erfolg. Beim Bauernhof kriegen wir immerhin etwas Wasser für die Bidons. Dann geht es wieder etwas hoch, in Weidach hocken wir dann enttäuscht vor einem weiteren geschlossenen Gasthof. Ich rufe beim Hotel in Bamberg an und kündige an, dass wir später kommen. Ob wir denn vor zehn Uhr kämen? Ja, das nehmen wir wohl an. Und zum Glück finden wir 2 km weiter ein Café, wo wir heißhungrig Cola bzw. alkoholfreies Weizen und jeder ein Baguette essen.

 

Über Scheuerfeld, Schorkendorf, Eicha, Witzmannsberg (mit schöner Rampe direkt vorm Altersheim – die Damen feuern uns an) geht es nach Seßlach, das „oberfränkische Rothenburg“ mit erhaltener Stadtmauer und schöner Altstadt. Hinter dem Stadttor erklärt uns ein gärtnernder Rentner, wie wir die verbleibenden 30 km am besten nach Bamberg kommen. Ab hier können wir – die Hassberge rechts neben uns lassend – die Rodach entlang nach Itzgrund fahren. Und von dort aus ist es eben. Der Radweg entlang der B 4 ist wirklich sehr schön asphaltiert. In Kaltenbrunn-Itzgrund bei brauerei-schleicher.de trinken wir 4 Radler, es schaut eine Bangladeschi-Familie beeindruckt zu, wie schnell man diese Getränke doch trinken kann.

 

Als es sich 20 km vor Bamberg zuzieht, genieße ich es, endlich die Ärmlinge abzulegen. Was für eine Erleichterung, endlich Belüftung! Hauptsache, das Gewitter, das wir sehen, lässt uns in Frieden. Auf dem Radweg können wir endlich wieder etwas Tempo fahren – zum ersten Mal seit Tagen (mit Ausnahme der Abfahrten) wieder 28 km/h und mehr!

 

In Bamberg kommen wir mit den ersten Tropfen an beim Gasthof und Hotel Wilde Rose, leider ohne Wasch- oder Trockengelegenheit für die Kleidung– dafür stehen die Räder im Küchenkeller. Nach Test des Biers in der Wilden Rose essen wir dann im Spezialkeller auf dem Stephansberg mit wunderschönem Blick über Bamberg. Hin und zurück mit dem Taxi, ist doch wohl klar. Nur weil das Hotel direkt in der Innenstadt liegt, laufen wir noch schnell zum Schlenkerla auf ein Rauchbier. Kurze Planung für den nächsten Tag. Schlechter Schlaf wegen Hitze und lärmender Studenten.

 

 

Etappe 6 – Revanche gegen die Rampen

 

Donnerstag, 03.07.2008

Bamberg – Neumarkt in der Oberpfalz

 

5:35 h / 108 km / 1.100 Hm / Mx 57,7 / Avg 19,4

Puls avg 126 / Mx 180 / In = 0:16 / Above = 0:08 / Below = 5:42 / 3.000 kCal

5 Bidons, 1 Riegel, 1 Gel, 1 alkoholfreies Bier, Obatzda und Wurst

9:45 ab Bamberg / 18:00 an Neumarkt, Hotel Wittmann

kurz, leicht, Netzunterhemd; Mütze wegen Sonnenschutz

 

Noch in Bamberg kaufe ich endlich einen Lippenschutzstift und Sonnencreme jeweils mit Sonnenschutzfaktor 50+, um ohne Ärmlinge fahren zu können. So sind wir um 9:45 am Main-Donau-Kanal, was eine Fahrt ohne viel Abbiegen oder Höhenmeter erwarten lässt. Nach 15 km müssen wir laut Routenplaner links nach Buttenheim, parallel zum Fluss nach Eggolsheim, dann geht es in die Ausläufer der Fränkischen Schweiz.

 

Zunächst hoch nach Rettern und wieder hinab nach Weilersbach, wo es einen Hinterhof­gaststätte gibt, die weiter außerhalb auch einen eigenen Keller hat. Wir genießen ein alkoholfreies Weißbier und nach den schlechten Erfahrungen der Vortage fülle ich die Bidons am Wasserhahn auf. Wir durchfahren das Tal der Wiesent nach Kirchehrbach, wellig über Dietzhof, Mittelehrenbach. Hinter Oberehrenbach wartet ein Killer-Anstieg hinauf zur Kapelle, Richtung Kasberg. Gut 120 Höhenmeter, ca. 1 km Länge, laut Straßenschild 10% Steigung. Nachdem der Abschnitt gemeistert ist, hocke ich mich in die Kapelle, sinniere. Berni kommt etwas später auf dem Gipfel an, er entledigt sich seiner Schuhe, des Trikots, ziemlich erschöpft.

 

Wir fahren dann auf dem Plateau weiter, ehe wir uns von 550m wieder hinab ins Tal stürzen, wo auf 400 m der Ortskern von Gräfenberg, Tor zur fränkischen Schweiz liegt. Wir freuen uns, einen kleinen Gasthof zu finden, der, wie wir später feststellen, zu einer familiengeführten Brauerei gehört. Im Lindenbräu essen wir jeder eine echt fränkische Bratwurst und teilen uns einen Teller Obatzten, dazu ein alkoholfreies Bier. Bidons werden eh aufgefüllt. Als wir gehen wollen, fragt uns der Chef, ob wir noch fünf Minuten Zeit haben. Klar haben wir, denn er will uns durch die Brauerei führen. So etwas gibt es heute nur selten, eine Drei-Mann-Brauerei, die Kupferkessel alle von 1932 – und etwas, das man heute fast gar nicht mehr sieht: die Würze wird hier noch an der offenen Luft ausgeschlagen. 3.500 l malziger Flüssigkeit mit einer Temperatur von mehr als 80°C ergießen sich in einen großen, genieteten Kupferbottich von ca. 40 cm Höhe. Und im Nu steigen Luftfeuchte und Lufttemperatur unter dem Dach erheblich an. Zur Abkühlung dürfen wir uns auch den Gärkeller anschauen. Und sogar an der Weißbierhefe riechen – lecker nach Banane, finde ich. Ja, meint er, es gibt zwei Geruchsrichtungen bei der Weißbierhefe: die fruchtige und die rosige. Genug gesehen. Der Chef gibt Tips zur Weiterfahrt und dann dürfen wir uns wieder gut 100 Höhenmeter hinaufziehen. Immerhin – bergauf spürt man das Gesäß nicht so sehr.

 

Auf dem Plateau angekommen geht es weiter nach Lilling und von dort grandios über mehrere Kilometer bis nach Simmelsdorf nur noch bergab. Vorbei an Schnaittach, Speikern und über die Pegnitz geht es nach Ottensoos, wo wir beim Obstladen jeder eine Banane essen. Nach Henfenfeld radeln wir einsam durch den Wald, und auch Engelthal und Offenhausen liegen mehr oder weniger im Tal, so dass wir recht flach daherfahren. In Kucha sitzen wir dann im Kessel und so müssen wir von 420 m wieder hoch auf 540 m – die Kante von Kucha ist letzte richtig fiese Steigung, ca. 15 % und nicht gerade kurz. Trotz Regen schaffe ich den Anstieg, Berni muss leider schieben.

 

Über Ittelshofen und Raschbach (laut Höhenmesser 600 m) geht es hinab nach Pülheim, direkt unter den massiven Pfeilern der Autobahnbrücke hindurch. Entlang dem Tal der Vorderen Schwarzach, nur in Gnadenberg müssen wir einmal kurz hoch. Mitten in der Kleinstadt sehen wir auf einmal die Ruine des Klosters Gnadenberg – monumental die Außenmauern aus braunem Sandstein –, heutzutage wirkt das für dieses kleine Örtchen völlig überdimensioniert. Wir können nun wieder flach weiterradeln, über Berg kommen wir in Neumarkt in der Oberpfalz an.

 

In Bahnhofsnähe hat Berni uns beim Hotel Wittmann einquartiert, das auch eine Metzgerei und einen Gasthof sein eigen nennt. Nicht nur, dass der Ochsenbraten und das Schäuferla (Schulter) sehr gut schmecken, auch das Personal ist sehr fröhlich – aber leider auch der örtliche Alki, der mit uns ein paar Blutwurz trinken will. Das Zimmer ist klein und heiß, wir sind bettschwer, aber für eine Kurzbesprechung der Reiseroute für den Folgetag ist Zeit. Berni schlägt vor, doch einmal vom Routenplan abzuweichen und flach zu fahren. Schnell gemacht, hier geht das leicht: dann fahren wir entlang dem Ludwig-Donau-Main-Kanal und der Altmühl.

 

 

Etappe 7 – „Ruhetag“

 

Freitag, 04.07.2008

Neumarkt in der Oberpfalz – Kelheim

 

3:40 h / 83 km / 350 Hm / Mx 45 / Avg 22,5

Puls avg 116 / Mx 158 / In = 0:02 / Above = 0:00 / Below = 3:38 / 1.800 kCal

2 Bidons, 1 Cappuccino, 1 Stück Kuchen

10:35 ab Neumarkt in der Oberpfalz / 15:30 an Kelheim, Pension

kurz, leicht; Mütze wegen Sonnenschutz

 

Da der heutige Tag nur „kurz und flach“ werden soll, haben wir uns etwas gegönnt: Ausschlafen bis 7:45 Uhr und dann ein Frühstück einschließlich Weißwürste – so kann ein Tag beginnen!

 

Um 10:35 Uhr rauschen wir den Ludwig-Donau-Main-Kanal hinunter. Der Versuch, bei einer Tankstellen aufzupumpen, scheitert – Überdruckschutz bei 4,5 bar! Bei der Weiterfahrt vergisst Berni, die Satteltasche zu schließen, der er den Adapter zum Aufpumpen entnommen, danach anders verstaut hatte. Zum Glück bemerke ich das, ehe wir über das Kopfsteinpflaster des Ortes Berching fahren. Hier ist schick, aber wir lassen uns erst auf der Brücke photographieren. Überflüssiger Seitenwechsel, wir müssen nach 1 km wieder zurück ans Ostufer.

 

Und dann wieder zurück und hoch an den Berg zur Benediktinerabtei Plankstetten, dann über Beilngries an die Altmühl, wo wir zunächst auf dem offiziellen Altmühlradweg heizen können, da er breit, geteert und fast leer ist.

 

Dietfurth ist die letzte größere Stadt vor Kelheim, so dass wir einen schnellen Cappuccino und ein Stück Kuchen zu uns nehmen. Erneut scheitert ein Aufpump-Versuch an der Tankstelle daran, dass eine Überdrucksicherung am Druckluftautomaten befindlich ist. Wir beschließen, ein paar Kilometer weiter mit den Handpumpen zu arbeiten. Ein erneuter Stop ist uns willkommen, da uns mittlerweile erhebliche Sitzprobleme plagen, schon auf einer kürzeren Etappe wie dieser.

 

Da der Altmühlradweg dann aus Schotter besteht, fahren wir große Strecken auf der Landstraße bzw. später dann auf dem Radweg daneben. Die Altmühl erinnert hier an den Rhein – steile Felshänge, Schloss Prunn . Um 15:27 Ankunft in Kelheim bei Pension.

 

Die Pensionswirtin ist streng, harsch, gezeichnet von Jahren der Migräne und ihrer manischen Ordnungswut. Es gehört auch zu Ihren Ticks, dass sie in jedem Satz die Person, mit der sie spricht, mit deren Namen anspricht. Berni und ich fliehen in Richtung Altstadt , dort in den Biergarten des Weißen Brauhauses von G. Schneider & Söhne. Rad-Trikots mit deren Emblem sind leider nicht mehr erhältlich, dafür einige Weizen, ein Schweinsbraten und etwas Obazter. Als aber eine 50köpfige Reisegruppe aus Nordrhein-Westfalen einschließlich mitgebrachtem DJ einfällt, gehen wir wieder heim. Kloster Weltenburg hat leider inzwischen geschlossen. In der Pension bringt uns die Wirtin – dann wieder sehr freundlich – zwei Weizen und die Zeitung in den Garten. Oben auf dem Zimmer pennt Berni bei laufendem Fernseher ein. Ich werde wegen Handyphonierens von der Wirtin gerügt J – sie wohnt einen Stock tiefer…

 

 

Etappe 8 – Tour d’honneur

 

Sonnabend, 05.07.2008

Kelheim – München

 

5:21 h / 115 km / 820 Hm / Mx 59,1 / Avg 21,1

Puls avg 128 / Mx 164 / In = 0:15 / Above = 0:01 / Below = 5:05 / 2.700 kCal

2 Bidons, 1 Cappuccino, 1 Brownie, 1 alkoholfreies Weizen

9:15 ab Kelheim / 16:20 an München, Chinesischer Turm

kurz, leicht; Mütze wegen Sonnenschutz

 

Krönung der Ordnungswut unserer Wirtin beim Frühstück: auf Bernis Bitte, er hätte noch gerne eine halbe Tasse Kaffee (den nur sie ausschenkt – keine Selbstbedienung), antwortet sie ernsthaft „Keine halben Tassen, sonst verliere ich den Überblick.“ Abfahrt um kurz nach 9:00 Uhr. Der Ehemann der Wirtin berichtet von seiner Radtour nach Portugal und gibt Tips für den Weg.

 

Durch die Felder fahren wir Richtung Abensberg. Mein Gesäß meldet sich schon bei km 6,78. Und bei km 8 geht der Puls dann doch noch mal hoch, weil wir eine nette kleine Welle mit knackiger Steigung erklimmen. Ansonsten geht es mit wenig Verkehr weiter. In Abensberg suchen wir die Strecke. Da der Abensradweg nur Schotter zu bieten hat, fahren wir nach wenigen Kilometern auf die B 301 bzw. später den daneben laufenden Radweg. In Mainburg gönnen wir uns bei McCafé jeder einen großen Cappuccino und einen Brownie.

 

Hinter Nandlstadt geht es wieder auf kleine Landstraßen, es ist wunderschön, dafür wird es richtig wellig. Bei Attenkirchen dann eine neu asphaltierte Strecke nach Wolfersdorf – wie das rollt! Und dann kommt kurz vor Freising der letzte echte Anstieg der Tour: der Freisinger Forst, aber es sind nur knapp 100 Höhenmeter. So kurz vor dem Ziel kann uns der nicht schocken. Zur Belohnung gönnen wir uns in Freising alkoholfreie Weizen, bevor wir an der B 11 nach München sausen. Es ist eben, nur viel Verkehr, so dass wir später auf die östliche Donauseite wechseln, wo es ruhiger ist. Ideales Terrain zum Tempomachen – aber unsere Hintern wollen nicht mehr; andauernde Wechsel der Sitzposition.

 

Insofern ist es keine richtige „Tour d’honneur“, denn wir wollen nur noch ankommen, nicht mehr auf dem Sattel sitzen. Gleichzeitig kündigt sich eine gewisse Leere an – was machen wir nur nach dieser Tour?

 

Durch die Isarauen gelangen wir in den Englischen Garten, direkt an den Chinesischen Turm. Schnell ein Photo, zwei Halbe – und in dem Moment setzt die Blasmusi ein. Finale! Anschließend radeln wir zur Wohnung eines Freundes, schauen uns den Schluss der ersten Etappe der Tour de France an – die sind schneller, aber wir dopen nur mit Bier.

 

Abschluss im Max Emanuel Biergarten in Schwabing. Schöne Tour!

 

 

Rückreise

 

Sonntag, 06.07.2008

München Hbf – Wedel (mit der Bahn)

 

Nach einem zünftigen bayerischen Frühstück mit Weißbier, Weißwürsteln, Brezn, Krautsalat etc. im Augustiner machen wir uns entspannt auf die Rückreise im IC, die Räder bringen wir an den reservierten Haken unter.