Daten und Fakten über das 24-Stunden-Rennen von Nortorf müsst Ihr Euch bei
Bernd Schmidt besorgen. Ihm und seinen vielen, vielen Helfern, die uns so fröhlich
durch die Nacht begleitet haben, sei hier noch einmal ausdrücklich Danke gesagt!
Dies soll ein Stimmungsbericht sein, eine Beschreibung der Verwandlung von einer unersättlichen, sich noch nicht richtig mit dem Alterungsprozess abfinden könnenden Breitensportlerin in eine glückliche, anbetend Staunende im Verlaufe von nur einer einzigen Nacht!
Es beginnt, ja, wo beginnt es denn eigentlich?
Im Alter von 6 Jahren, als ich das erste Mal Mutters schwarzes 28"-Rad heimlich aus dem
Kellergang geholt hab?
Oder im Alter von 17 Jahren, als ich meine erste Allein-Ferntour von Frankfurt/Main nach
Bückeburg an nur einem Wochenende geplant und durchgeführt habe?
Oder im Alter von ca. 40 Jahren, als ich endlich wieder Radwandern konnte, weil die Kinder
nun groß genug waren um mitzufahren?
Oder im Alter von ca. 50 Jahren, (inzwischen hatten wir das Radfahren im Verein, speziell
das RTF-Fahren entdeckt; und die Kinder sind mir bereits leistungsmäßig über den Kopf
gewachsen), als ich es noch einmal wissen will und mich für die erste Fernfahrt „Rendsburg
– Viborg" des Rendsburger Fahrrad-Vereins anmelde. 385 km. Das sollte wohl reichen, um
noch einmal genauso kaputt und glücklich vom Rad zu steigen, wie damals in Kassel, als ich
am liebsten unten im Rinnstein geschlafen hätte und dann dennoch zur Jugendherberge
hinauf gekommen bin (wenn auch das erste Mal im Leben durch Schieben)? Seit der
Viborg-Fahrt sitzt ein Stachel im Fleisch. Ich musste nach 350 km vom Rad steigen, ohne die
Muskeln müde gefahren zu haben; die Augen konnten nicht mehr! 35km vorm Ziel: Zuviel
Sonne, zu viel Wind, keine Sonnenbrille! Die Vernunft schreit: Besenwagen!
Oder im Januar 2010 beim RTF-Kaffeeklatsch? Die RSGler haben Faltblätter ausgelegt,
worin sie die Veranstaltungen des kommenden Jahres ankündigen. Eine Veranstaltung
springt mir ins Auge, lässt mich nicht mehr los: 24- Stunden-Rennen in Nortorf. Da will ich
dabei sein.
Noch einmal durch eine traumhaft schöne Mittsommernacht radeln, noch einmal den späten Sonnenuntergang mit kurz darauf folgendem Sonnenaufgang genießen!! Das ist es; das ist meine Gelegenheit, dem sportlichen Ehrgeiz noch mal freien Lauf zu lassen! Sonnenbrille habe ich inzwischen, relativ winddicht und am Licht soll es dieses Mal auch nicht scheitern. Eine Lampe reicht eben nicht aus, um durch die Nacht zu kommen, wenn sie auch noch so kurz ist. Aber wie steht es um meine Kondition? 2 schwere Unfälle haben mich in den vergangenen Jahren 2 ganze Sommer lang am so sehr geliebten Radfahren gehindert. Und danach war die Kondition im Eimer. So fühlt es sich also an, wenn man nicht mehr richtig mithalten kann. Aber ich gebe nicht auf! Trotzdem, an welchem Punkt stehe ich nun?
Kann ich 385km toppen? Kann ich sie überhaupt noch fahren? Sollte ich nicht glücklich und zufrieden sein, wenn ich in dieser Nacht 300km schaffe? Ohne Zweifel, das sollte ich! Noch in der letzten Saison war ich so froh, 100er anstelle von 70er Runden fahren zu können. Ja, wenn ich meinen Mann von der Wichtigkeit dieser Teilnahme überzeugen kann, werde ich mich anmelden. Bis Juni wird genügend Gelegenheit zum Trainieren sein und ich werde bei Fahrtantritt meinen Leistungsstand kennen!!!!
Ja, so hat es begonnen, lange bevor ich nun Sa. den 26. Juni bei strahlendem
Sonnenschein um 10h am Start stehe, bereit meine Grenze auszutesten. Bis zu diesen
Zeitpunkt stehen 28 Touren, davon 5 RTFs im 110er Bereich, der Rest Permanenten im 75er
Bereich auf meiner Wertungskarte. Ich bin fit, wie lange nicht mehr! Es kann losgehen.
Während der ersten Runden wechseln Grübeln (in Holm findet an diesem Wochenende das Gemeindefest statt und ich bin nicht dort zum Helfen), Genießen (einfach schön, dass ich hier sein darf; Naturpark Aukrug vom Feinsten) und sportlicher Ehrgeiz (die erste 28km- Runde habe ich in nur 1 Stunde zurückgelegt, das war viel zu schnell, drosseln!) sich in schöner Regelmäßigkeit ab. Hinzu kommen die vielen anderen Radler, von denen hin und wieder aufmunternde Kommentare zu mir hinüber fliegen. Sie fahren alle viel schneller als ich; irgendwie schaffe ich es nicht, Ihnen meinen Glückwunsch zu ihrer Leistung hinterher zu brüllen, also schweige ich. Schicke nur ein leises Gebet zum Himmel, dass alle wieder unversehrt und heile am Ziel ankommen mögen.
Die Armbanduhr habe ich am Lenker befestigt, was sich als sehr praktisch erweist, denn so
kann ich während der Pausen nicht heimlich auf die Uhr schielen; ich folge einfach meinem
Gefühl, das sagt mir schon, wie lang ich pausieren soll und wann ich weiter will. Nach der
allerersten Runde schaue ich erstmal zum Büffet. Ich möchte es doch nur einmal anschauen,
bevor es nach der nächsten Runde vielleicht schon zerfleddert wirkt. Dabei treffe ich auf eine
leicht genervte Andrea. Wie vielen Radfahrern vor mir hat sie auch schon sagen müssen,
dass das Büffet erst ab 11:00h eröffnet wird? Ich tu doch nix, ich will doch nur gucken! Was
haben sie da alles aufgefahren, sieht alles so appetitlich und lecker aus, auch so
appetitanregend drapiert, aber ich weiß, wenn ich mich dem Büffet hingebe, habe ich schon
verloren! Für mich stehen Trinkwasser, Obst und Müsli-Riegel auf dem Speiseplan, und das
bis abends.
Der schnellsten Runde des Tages folgt eine Ausruh-Runde. Wird es auch die langsamste sein oder wird mich später die Erschöpfung noch viel langsamer machen? Woher soll ich das wissen? Jedenfalls bastele ich mir nach diesen beiden Runden schon mal eine leicht zu merkende Formel, die da lautet: 2 Runden=3 Stunden. Nach dieser Formel stünden mir für 14 Runden 7x3=21 Stunden + 1 Runde zu 2 Stunden Dauer + 1 Stunde Reserve für die Dunkelheit in der Nacht = 24 Stunden zur Verfügung; rein theoretisch, versteht sich! Seit Erfindung dieser Formel beobachte ich in von Zeit zu Zeit, um wie viel ich noch vor der Sollzeit liege, das macht jedes Mal ein gutes Gefühl!
Nach Absolvieren einer normalen RTF (112km = 4 Runden) habe ich das erste Drittel dessen, was ich unbedingt fahren will hinter mir. Radeln, schauen, trinken, den Tag einfach genießen, alles wundervoll, so kanns weitergehen. Wird es das auch? Wird sich zeigen. Beim Wechsel (Grübeln, Genießen, Ehrgeiz, s. o.) kommt immer mal wieder die Frage hoch: Darf ich mich hier so frei und ungebunden meines Lebens freuen, während andere (alltags in Beruf und Familie geforderte) am Tanzania-Stand im Holmer Gemeindehaus stehen werden, dafür gebastelt und Marmelade gekocht haben, die Küche machen und ich habe mich aus alledem ausgeklinkt? „Alles hat seine Zeit…" geht es mir durch den Sinn.
Ich denke an das Gespräch mit Sonja, die mich zur Teilnahme ermutigt hat. Danke, danke auch an die vielen Helfer dieser Veranstaltung. Wenn Ihr jetzt alle so dringend auf dem Rad sitzen wolltet, wie ich es will, dann hätte dieses Rennen nicht stattgefunden. Ach, überhaupt, RSG-Mittelpunkt nennt Ihr Euch, weil Euer Städtchen Nortorf so nahe am geografischen Mittelpunkt von Schleswig-Holstein liegt. Mir scheint aber sehr, dass Ihr auch der motorische Mittelpunkt des sportlichen Freizeit-Radelns seid. Danke allen Helfern, Organisatoren und Sponsoren! Und danke an Volker, meinen lieben Ehemann, ohne dessen Langmut und Geduld ich gar nicht all die vielen Trainingsrunden mit Carola hätte drehen können. An dieser Stelle müsste man auch allen Vorkämpfern der Gleichberechtigung danken, denn es gab ganz bestimmt Zeiten, da wäre eine wie ich als Hexe verbrannt worden.
Zum Thema Ehrgeiz: Alle 50 km rechne ich die Schnitt-Geschwindigkeit (über alle Pausen) aus. Sie sinkt natürlich stetig, was zu erwarten war. Nach 6 Runden (das erste Zeitdrittel ist soeben vorbei) habe ich eine Stunde Vorsprung vor meiner Sollzeit (siehe Formel). Eine gute Gelegenheit, um für einen großen Teller Nudeln mit Bolognese-Soße, Gemüse, Salat und Nachtisch vom Rad zu steigen. Die Uhr hängt draußen im Flur am Rad und ich muß mich nun doch ein wenig zwingen, sie dort auch zu lassen. Um 18:45 hält es mich nicht mehr auf dem Stuhl. Ahh, noch 1/4h Vorsprung. Ich beschließe, ganz langsam wieder anzurollen. Verdauen kann man schließlich auch auf dem Rad. Die kleine Lichtausrüstung habe ich schon mal dabei, obwohl es noch völlig hell ist; Helmlampe und Reflektoren folgen später! Jetzt heißt es erstmal Abendkühle und letzte Helligkeit nutzen.
Es folgen 2 zügige Runden und die fühlen sich nach der erholsamen Pause fast so unangestrengt an, wie die allerersten Runden; irgendwie „wunder"-bar. Wunderbar auch der Wechsel des Lichtes. Zu erleben, wie in einer immer wiederkehrenden Landschaft das Sonnenlicht immer neue Details in den Focus rückt und andere im Schatten versinken lässt. Und nicht nur die Augen sehen (z. B. wie sich in einem Feld „Fuchs und Hase Gute Nacht sagen", oder waren es doch nur 2 Hasen?) auch die Ohren sind jetzt voll vom Abschiedsgesang der Vögel. Sie zwitschern jetzt noch einmal so richtig laut, bevor sie dann lautlos auf ihre Schlafbäume verschwinden. Auch der stete tagsüber von West oder Nordwest kommende Wind, der die Etappe Aukrug – Heinkenborstel so anstrengend erscheinen ließ, hat sich am Abend erwartungsgemäß gelegt. Warum nur kommt mir dieses Teilstück immer noch anstrengend vor? Ist es der zu erwartende Anstieg vor Heinkenborstel? Jedenfalls kann ich nach dem kräfteschonenden Heranfahren den Hügel noch erstaunlich leicht und sportlich erklimmen; auch das ändert sich noch im Verlaufe dieser Nacht.
Um 22: Uhr ist theoretische Halbzeit; die bis jetzt gefahrene km-Zahl zu verdoppeln wäre töricht, natürlich geht nicht das gleiche noch mal. Aber die heimlich erhofften 15 Runden liegen immer noch im Bereich des Möglichen! Die Abendkühle, die zu nutzen es galt, geht mitten auf einer Runde in unangenehme Kälte über, jetzt heißt es bis zum Auto die Zähne zusammenbeißen. Dann Aufwärmpause, Winterjacke, Kniewärmer, Helmlampe, Reflektoren, weiter!
Dass das Radeln zu keinem Zeitpunkt langweilig war, dürfte klar sein, aber das Schauspiel (oder Farbenspiel), welches die untergehende Sonne und der aufgehende Vollmond da am Himmel miteinander aufführen, das kann man gar nicht beschreiben, so etwas muss man einfach mal selbst erlebt haben! Lange nachdem die Sonne mit goldenem Glühen hinter der Bergkette versunken ist, steht dort ein immer blasser werdender rotbrauner Schein und wandert weiter in nördliche Richtung.
Gegenüber hat sich der Vollmond über den Horizont
geschoben. Wie ein dickes orangenes Walfischgesicht, das aus dem Meer aufgetaucht ist,
um nach Luft zu schnappen, so sieht er im ersten Moment aus. Später, als er höher
gestiegen ist, gießt er sein helles Licht über die ganze Landschaft, so dass ich kaum noch
klar erkenne: Mondenhell oder Sonnennachhall dort im Nordwesten? Doch was ist das?
Habe ich eben bereits die erste Vogelstimme vernommen? Ja, kein Zweifel, immer mehr
Vogelstimmen fallen ein. Automatisch wendet sich mein Kopf zum nordöstlichen
Himmelsrand. Ein schwarzer Wald unter mondhellem Himmel nimmt die Sicht. Ein wenig
muss ich mich noch gedulden, bevor auch meine Augen den deutlich helleren Schimmer
sehen können, bevor auch ich, wie vorhin die Vögel, den neuen Tag begrüßen kann.
„Morning has broken", singe ich!
Apropos Singen: Seit Fahrtantritt singe ich immer mal wieder. Signale aus der Umgebung
rufen immer neue Lieder in mein Gehirn. Nicht umsonst konnte ich schon in meiner Schulzeit
fast die ganze „Mundorgel" auswendig. Singen gehört zum Genießen einfach dazu. Aber es
ist mehr. Es ist zugleich Atemkontrolle. Will ich gerne ein Lied singen und die hohen Töne
kommen nur noch gequetscht, dann ist es Zeit, etwas ruhiger zu treten und das Lied noch
einmal in Ruhe anzustimmen. So, jetzt ist es besser!
Beim Wort Signale fallen mir die ersten Abendnebelschwaden wieder ein, die aus einem benachbarten Feld herüberwabern. „A grey mist", fliegt es mir durch den Sinn. Wo habe ich diesen Textfetzen unterzubringen? Ja, natürlich, mein altes Englischbuch, 6. Klasse vielleicht. Das erste englische Gedicht, „Seafever by John Masefield"! Ob ich es immer noch auswendig hersagen kann? Ich probiere, es gelingt, so fühlt sich Glück an!
Irgendwann in dieser Nacht fragt mich Bernd, der unermüdlich Teilnehmer um Teilnehmer vor dem Zelt in Empfang nimmt (Wieso wird er eigentlich nicht müde): „Hast du denn überhaupt schon mal geschlafen?" „Keine Zeit", erwidere ich knapp, denn ich will gerade weiter. „Keine Zeit", warum eigentlich? Ist es wirklich noch der Ehrgeiz, ist es weil ich sonst die 15 Runden nicht schaffen kann? Oder ist es zu diesem Zeitpunkt schon das Glücksgefühl, das Einmalige, das Besondere, das mich in dieser Nacht nicht ruhen lässt? Ich denke kurz darüber nach, lasse die Antwort offen und radle weiter, nur nichts versäumen in solch einer Nacht!
Wenn man seine Runde beendet hat, soll man seine Startnummer einscannen lassen. Da liegt der Scanner, aber wo sind die Helfer? Ein Grüppchen Menschen steht 2m weiter am großem Bildschirm und betrachtet bisherige Ergebnisse. „Ist hier Selbstbedienung erlaubt?", frage ich, will ja niemand stören. „Nein", ertönt es neben mir und „Entschuldigung". Eine zarte junge Helferin erhebt sich seitlich von mir aus einem Campingstuhl uns schält sich aus einer Wolldecke. Die Nacht ist sehr kalt und die Helfer harren hier für uns aus. Dankbarkeit durchströmt mich zutiefst.
Ich schiebe mein Rad in die Turnhalle, eine kleine Aufwärmpause. Ein junges Mädchen kommt mir mit Ihrem Rad entgegen: „Na", frage ich „auf zur nächsten Runde? Ist ja auch traumhaft schön draußen!" „Ja?", Unverständnis schlägt mir entgegen, schade, denk ich, die weiß gar nicht, wovon ich spreche. Später dann denke ich, vielleicht kam sie gerade vom Schlafen, wollte gar nicht so gern im Dunkeln fahren; ich hoffe, dass meine Begeisterung einen kleinen ansteckenden Funken hat überspringen lassen. Aber auch für mich war die Vorfreude auf diese Nachtfahrt von der Sorge überschattet, was ein einzelner betrunkener Autofahrer anrichten könnte, wenn er nur vergäße, sein Licht einzuschalten.
Meinen Vorsatz: während der Dunkelheit nur auf Radwegen zu fahren, wo immer es möglich ist, habe ich dann aber doch nicht durchgehalten. Warum? 4 (in Worten: vier) aufregende Vollbremsungen auf 28km, weil der Radweg verschwenkte und die Helmlampe urplötzlich nicht mehr Asphalt anleuchtete, sondern ein diffuses Etwas, mal Graben, mal Gras, mal Gebüsch! Abstoppen, Kopf nach rechts und links wenden, bis klar ist, wo der Radweg weitergeht. Nun gut, ich freizeit-radle. Ich muss an die vielen umweltbewussten Radler denken, die sommers und winters mit dem Rad zur Arbeit fahren und im Winter ist es lange dunkel!
Also wechsle ich zur 2. Nachtrunde wieder auf die Fahrbahn. Seiten- und Mittelsteifen, sowie die Katzenaugen der Fahrbahnbegrenzungs- pfosten reflektieren das Licht und geben ein sicheres Geleit. Um 2 Uhr ist das 2. Zeitdrittel vorbei und ich registriere etwas ungläubig, dass Runde 15 immer noch im Bereich des möglichen liegt, aber erst mal das Ende der Dunkelheit abwarten, dann wird man sehen! 2 Dialoge möchte ich hier noch einflechten: Dialog mit Helfern im Zelt: „Ist dies hier wirklich meine X. Runde?" „Das kann man doch am Tacho ablesen!" „Ich habe meinen abgeschafft, als es mit der Leistung immer mehr bergab ging!" Das fröhliche Gelächter der Helfer folgt mir in die neue Runde.
Oldenhütten: Mittsommerparty in einer Garage (schön mit Teelichtern geschmückt) direkt neben der Straße, wo eine letzte Steigung zu überwinden ist. „Hey, Junge, hau rein in die Pedale!", krakeelt es von dort. „Erstens, ich bin ein Mädchen, und zweitens: ich hau nicht rein!" antworte ich. Wieder erschallt lautes Gelächter, es ist eine fröhliche Nacht und die Leute dort feiern mit Ausdauer, das gefällt mir!
Ja, und dann kommt doch noch alles anders. Nachdem die Sonne erstmal über den Horizont
gestiegen ist, wird es schnell hell, aber noch nicht warm. Nun wäre nach meiner
vorausplanenden Strategie der Endspurt fällig, aber was ist das? Erschöpfung? Ja, die hat
hier bestimmt ihren Anteil, aber es ist vor allen Dingen der Nebel, der über den Wiesen tanzt
und wabert und der je nach Lichteinfall in allen Regenbogenfarben schimmert, dabei stets in
Bewegung. Nein jetzt muss ich schauen, schauen, schauen.
Um 6 Uhr schiele ich das letzte Mal verstohlen auf die Armbanduhr. Nun bin ich seit 24 ½ Stunden wach und 4 ganze Stunden liegen noch vor mir. Jetzt gilt es sich zu entscheiden: den eingeschlafenen Ehrgeiz wieder rausholen und gegen die Uhr kämpfen bis zur letzten Minute (wenn eine Panne mich aufhält, wird es trotzdem nicht reichen) oder den Ehrgeiz ruhen lassen, nicht mehr auf die Uhr, sondern nur noch auf den neuen, jungen Tag blicken, der hier in dieser wunderschönen Landschaft anbricht. Ja, so will ich es halten, schlaf weiter Ehrgeiz, dich kann ich jetzt gerade gar nicht brauchen.
Kaum habe ich diesen Beschluss gefasst, da fährt Startnummer 1 von hinten zu mir heran. Wir plaudern eine Weile, und das tut gut. Nach einer Weile schicke ich ihn dennoch wieder weiter, denn ich möchte ihn nicht aufhalten. Mit sanftem Schwung verschwindet er vor mir und zieht mich noch ein kleines Weilchen mit ins Ziel. Hier eine ausdauernde Pause. Dieses mal will ich „hinter die Zeit" kommen, will dass es jetzt nur noch für eine, nicht aber für 2 Runden reicht, will diese schöne Nacht schön ausklingen lassen! Und tatsächlich, die lange Pause bewirkt, dass die letzte Runde eine wirkliche Abschiedsrunde wird. Dort hinten liegt Kellinghusen, fließt die Stör, in dieser Richtung muss Hohenweststedt liegen und dort auf dem Berg liegt Mörel; von dort hat man einen wunder-schönen Blick über die Landschaft. (Kenne ich alles von den Permanenten).
Dann, in Heinkenborstel ein böser Fahrfehler! Ich will die Fahrbahnseite wechseln und vergesse, mich vorher umzusehen. Kein böses Wort von dem Radler, den ich fast vom Rad geschubst hätte, nur ein kurzer Warnlaut. Gut gegangen! Nun wird es wirklich Zeit auszuschlafen, denn später soll ich noch ein Auto heile nach Hause bringen (und darf nun meinerseits niemanden gefährden). Im Ziel: Kleines Frühstück, Wecker stellen und Schlafen bis zur Siegerehrung (eigentlich wollte ich ja um 10:00 den Zieleinlauf miterleben, aber als der Wecker klingelt, korrigiere ich die Zeit und drehe mich noch mal um).
Dann eine nette Siegerehrung vor der Raiffeisenbank, die hier als Sponsor beteiligt ist.
Niemand wurde verletzt in dieser Nacht, sehr gut! Besonders, dass einige Teams dann bei
Rundengleichheit gemeinsam ins Ziel gefahren sind, sich nach beinahe 24h gemeinsamer
Fahrt nicht mehr gegenseitig die Butter vom Brot nehmen wollten, ist überraschend, zeigt
aber deutlich die schöne Atmosphäre, die hier in den letzten 24, 25, 26 h geherrscht hat.
Wer´s nicht glaubt, möge sich das nächste Mal selbst anmelden und es ausprobieren. Es
lohnt sich!
Für die Helfer heißt es jetzt: Aufräumen und Abschildern. Ein letztes Mal winke ich aus dem Auto zu 2 Abschilderern hinüber, doch sie sehen mich nicht. Über Aukrug, Bad Bramstedt und die B4 steuere ich das Auto mit mäßigem Tempo nach Hause. Entschleunigt, sozusagen, mir ist jetzt nicht nach Autobahn zumute. Um 18:00 Uhr sitze ich dann im Holmer Gemeindehaus und nehme mit am Abendgottesdienst teil und kann nur immer wieder überwältigt danken, danken, danken! Der Energieschub währt bis Dienstag und Mittwoch, danach erst kann ich wieder richtig ausschlafen. Ein Bild hat sich in meine Erinnerung gebrannt, wie eine Verheißung: Das Licht,
welches von der hinter dem Horizont befindlichen Sonne herübergeleuchtet hat, ist wie ein Symbol, ein Gleichnis für das Licht, welches hinter dem Horizont unseres endlichen Lebens auf uns wartet.
Angelika, RG Wedel, 6.07.2010